„Für jeden Menschen einen Unterschied machen“

Schwester Sheetal Mathew hat in Indien erlebt, was Armut für Familien bedeutet – und wie Bildung, Gesundheitsversorgung und echte Chancen Leben verändern können. Als Steyler Missionsschwester engagierte sie sich für benachteiligte Kinder in ländlichen Regionen und trug Verantwortung in einem großen Krankenhaus in Mumbai. Heute bringt sie ihre Erfahrungen in den Ethik-Anlagerat der Steyler Ethik Bank ein. Im Interview spricht sie über Berufung, soziale Gerechtigkeit und die Verantwortung von Unternehmen und Finanzinstituten.

Schwester Sheetal Mathew SSpS - die Steyler Missionarin ist Mitglied des Ethik-Anlagerates der Steyler Ethik Bank

Schwester Sheetal Mathew SSpS - die Steyler Missionarin ist Mitglied des Ethik-Anlagerates der Steyler Ethik Bank

     Wir würden Sie gern etwas näher vorstellen. Mögen Sie uns etwas über sich erzählen und über Ihre Motivation, Steyler Missionsschwester zu werden? 

Ich bin Schwester Sheetal Mathew SSpS und stamme aus Kerala in Indien. Ich gehöre der Missionskongregation der Dienerinnen des Heiligen Geistes (SSpS) an. Ich bin das neunte Kind meiner Eltern. Sie hatten elf Kinder – sechs Mädchen und vier Jungen. Heute sind wir noch zehn, da eines unserer Geschwister im Alter von zwei Monaten verstorben ist. Mein Vater Mathew starb 2015 im Alter von 91 Jahren. Meine Mutter Aleyamma ist durch Gottes besondere Gnade heute 103 Jahre alt.

Mit unserer syrisch-katholischen Tradition der Thomaschristen, die bis ins 4. Jahrhundert zurückreicht, spielten meine Eltern und die örtliche Pfarrgemeinde eine entscheidende Rolle bei unserer Glaubensbildung. In meiner Familie, deren Geschichte über 500 Jahre dokumentiert ist, gibt es viele Priester und Ordensfrauen. Heute sind 139 von ihnen, die weltweit tätig sind, digital unter unserem Familiennamen „Maniamprail“ miteinander verbunden. Einige von ihnen besuchten uns zu Hause und berichteten von ihren Missionserfahrungen. Das weckte in mir den starken Wunsch, selbst Ordensfrau und Missionarin zu werden – und trägt meine Berufung bis heute.

     … 1982 begann Sr. Sheetal ihre Ordensausbildung bei den Steyler Missionsschwestern. Nach einem Handelsstudium und ihrer ewigen Profess 1992 übernahm sie zunächst die Finanzverwaltung einer Schule in Gujarat und vertiefte anschließend ihre theologischen Kenntnisse. 

     Ab 1994 wirkte sie in der Finanzverwaltung des Holy Spirit Hospital in Mumbai, wo sie – trotz anfänglicher Unerfahrenheit – immer mehr Verantwortung übernahm. Durch Weiterbildungen in Betriebswirtschaft, Psychotherapie und Beratung qualifizierte sie sich weiter und war von 2004 bis 2014 als Finanzdirektorin des Krankenhauses tätig … 

Während ich die finanzielle Verantwortung für eine medizinische Einrichtung mit 300 Betten und verschiedenen Fachabteilungen trug, begegnete ich auch vielen Patientinnen und Patienten sowie ihren Angehörigen. Ich hörte ihre Geschichten: von Schwierigkeiten, Rechnungen zu begleichen, von der Sorge um erkrankte Familienmitglieder und von familiären Belastungen. Diese Begegnungen haben mich tief verändert.

     … 2014 nahm Schwester Sheetal eine neue Aufgabe im ländlichen Raum an. In Shimoga, Karnataka, setzte sie sich für benachteiligte Kinder ein. Dort lernte sie Pater P. V. Joseph MCBS kennen. Der Missionar hatte 40 Jahre lang viel für die Menschen vor Ort bewegt … 

Mein erster Besuch einiger Dörfer, in denen seine Arbeit bereits lief, öffnete mir die Augen für die harte Realität der ländlichen Bevölkerung. Grundbedürfnisse wie ausreichende Ernährung, Bildung, Gesundheitsversorgung und angemessener Wohnraum waren vielerorts noch nicht erfüllt. In Zusammenarbeit mit Pater Joseph bauten wir mit Hilfe der Italienischen Bischofskonferenz (CEI) ein Netzwerk an 35 staatlichen Schulen, mit dem wir etwa 3.000 benachteiligte Kinder erreichten.

Die Bedingungen in den Familien waren kaum lernförderlich. Die meisten Häuser hatten nur sehr begrenzten Raum, der gleichzeitig zum Kochen, Schlafen, Lernen, zur Unterbringung von Haustieren und als Lagerfläche genutzt wurde. Da diese Kinder oft die ersten in ihren Familien waren, die lesen und schreiben lernten, konnten sie von Eltern oder älteren Familienmitgliedern keine Unterstützung beim Lernen erwarten. Darüber hinaus wurde ihr Lernen durch das häusliche Umfeld beeinträchtigt, insbesondere durch Konflikte und Belastungen infolge von Alkoholismus.

Nach dem Unterricht wurden die Kinder von pädagogischen Begleitpersonen betreut. Diese unterstützten sie bei den Hausaufgaben, begleiteten sie beim Lernen und förderten ihre Talente. Die Wirkung war beeindruckend: Die Kinder wurden selbstbewusster und verbesserten sich sowohl in ihren schulischen Leistungen als auch in ihrer Disziplin.

     Was haben Sie in diesen Jahren erlebt?

Nach Angaben des im Dezember 2025 veröffentlichten World Inequality Report besitzt das reichste Prozent der Bevölkerung 40 Prozent des Gesamtvermögens. Die reichsten zehn Prozent besitzen 65 Prozent, während die unteren 50 Prozent lediglich 6,4 Prozent des Gesamtvermögens halten. Indien gilt nach Südafrika als das Land mit der zweithöchsten Vermögensungleichheit.

Vor diesem Hintergrund leisten viele katholische Einrichtungen und andere Nichtregierungsorganisationen wichtige Beiträge in abgelegenen Regionen. Durch hochwertige Bildung, gute Gesundheitsversorgung und menschenrechtsbasierte Sozialarbeit helfen sie, dass arme und benachteiligte Menschen am Fortschritt des Landes teilhaben können.

     Was sind Ihre wichtigsten Erkenntnisse aus dieser Zeit?

„Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenige Arbeiter. Bittet deshalb den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden.“ Matthäus 9,37–38

Wenn Gott jede und jeden von uns beruft, dann hat er einen klaren Plan und einen Sinn für unser Leben. Ich möchte dort, wo ich bin, in meinem Umfeld etwas bewirken, bevor ich dieses gemeinsame Haus verlasse. Ich erinnere mich an die bekannte Seestern-Geschichte, die Mutter Teresa oft erzählte. Sie zeigt, dass wir einen Unterschied machen können, selbst wenn ein Problem zu groß erscheint:

Alles begann, als …

Ein junges Mädchen ging an einem Strand entlang, an den nach einem schweren Sturm Tausende Seesterne gespült worden waren. Jedes Mal, wenn es einen Seestern sah, hob es ihn auf und warf ihn zurück ins Meer. Die Menschen beobachteten es amüsiert. Nachdem es dies eine Weile getan hatte, trat ein Mann zu ihm und sagte: „Kleines Mädchen, warum tust du das? Schau dir diesen Strand an! Du kannst nicht all diese Seesterne retten. Du kannst doch gar keinen Unterschied machen!“

Das Mädchen schien zunächst enttäuscht und entmutigt. Doch nach einigen Augenblicken beugte es sich hinunter, nahm einen weiteren Seestern auf und warf ihn so weit es konnte ins Meer. Dann sah es den Mann an und sagte: „Für diesen hier habe ich einen Unterschied gemacht!“ Der alte Mann schaute das Mädchen nachdenklich an und dachte über das nach, was es getan und gesagt hatte. Inspiriert begann er, gemeinsam mit dem Mädchen Seesterne zurück ins Meer zu werfen. Bald schlossen sich weitere Menschen an, und schließlich wurden alle Seesterne gerettet.

     Was haben Sie von den Menschen gelernt, die Sie unterstützt haben?

  • Arme Menschen haben nicht zu wenig Talent, sondern zu wenige Chancen. 
  • Arme Menschen sind sensibel und häufig besonders großzügig. 
  • Ein einfaches Leben schenkt Freude – nicht die Komplexität von Luxus. 
  • Widerstandskraft zeigt sich täglich, weil viele Menschen mit äußerst unvollkommenen Bedingungen und zahlreichen Entbehrungen leben müssen.
  • Trotz schlechter Netzverbindungen gibt es eine bessere persönliche Verbundenheit.
  • Glaube und Vernunft stehen nicht im Widerspruch. Alles wird Gott zugeschrieben.
  • Es entsteht kaum Abfall, weil Dinge repariert und wiederverwendet werden.
  • Dankbarkeit wird großzügig gezeigt, weil der Wert der Dinge bekannt ist.
  • Arme Menschen brauchen nicht unser Mitleid, sondern Stärkung durch Respekt und Chancen.

     Sie sind Mitglied des Ethik-Anlagerates der Steyler Ethik Bank. Was bringen Sie aus Ihren Erfahrungen ein?

Unternehmen kontrollieren die Wirtschaft. Regierungsbeamte und Politiker arbeiten oft zu ihrem eigenen Vorteil. Die steigende Inflation ist für Indien ein ernstes Problem. Die Armen sind am stärksten betroffen, weil ihre Kaufkraft sinkt. Ihr Einkommen reicht nicht aus, um die notwendigen Ausgaben zu decken, und sie geraten in hohe Schulden, um ihre Grundbedürfnisse erfüllen zu können.

Einmal erlebte ich vor einem Rationsladen etwas Erschütterndes. Der Staat hat durch das öffentliche Verteilungssystem, das Public Distribution System (PDS), eine gewisse Ernährungssicherheit geschaffen. Ein Mann erhielt dort kostenlos zehn Kilogramm Reis. Anschließend ging er in ein nahegelegenes Lebensmittelgeschäft und verkaufte den Reis zu einem niedrigen Preis, um ihn gegen Seife und andere benötigte Haushaltsartikel einzutauschen. Der Ladenbesitzer verkauft den Reis danach mit Gewinn weiter. Armut führt zu solchen korrupten Praktiken.

Viele staatliche Programme, die für arme Menschen bestimmt sind, erreichen die Zielgruppe nicht oder erfüllen ihren eigentlichen Zweck nicht. Der Ethikrat sollte weiterhin von Regierungen und Unternehmen verlangen, korrupte Praktiken zu unterlassen. Die Kontrollsysteme sollten sicherstellen, dass Lieferketten unmittelbar mit den Begünstigten verbunden sind. So können Zielgruppen direkt profitieren, ohne dass korrupte Zwischenhändler den Armen die Leistungen vorenthalten.

     Was bedeutet Ihnen Ihre Mitarbeit im Ethik-Anlagerat?

Nachdem ich über Jahrzehnte die Not armer Menschen gesehen habe, empfinde ich es als Segen, die Einladung angenommen zu haben, stimmberechtigtes Mitglied des Ethik-Anlagerates zu werden. Es ist ein Recht und ein Privileg, zugleich aber auch mit einer großen Verantwortung verbunden: Jede einzelne Firma daraufhin zu prüfen, ob sie investierbar ist oder nicht – und dabei die Armen sowie die von den Auswirkungen betroffenen Menschen stets im Herzen zu behalten.

Ich bin stolz darauf zu sehen, welche Veränderungen insbesondere in armen Ländern durch die Beratungen und Entscheidungen des Ethikrats bewirkt wurden. Bemerkenswert ist, dass die Steyler Ethik Bank ihrem Namen verpflichtet bleibt und über einen eigenen Bereich für „Ethik und Nachhaltigkeit“ verfügt, ohne ihre Nachhaltigkeit zu gefährden – anders als viele Finanzinstitute, deren Hauptzweck in der Gewinnerzielung liegt.

Ich möchte daher nochmals mit Überzeugung betonen: Die Steyler Ethik Bank hat eine umfassendere Vision und verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz, der auf einem starken ethischen Fundament beruht.

     Der Ethik-Anlagerat entscheidet, ob einzelne Unternehmen für die Steyler Ethik Bank investierbar sind. Was zeichnet aus Ihrer Sicht ein gutes, ethisches und nachhaltiges Unternehmen aus?

Ich schätze den Auftrag des Ethik-Anlagerats sehr. Er besteht darin, unmenschliche, korrupte oder zerstörerische Praktiken zurückzudrängen und damit einen wichtigen Beitrag zu einer egalitären Gesellschaft zu leisten. Dies geschieht durch die Förderung von Umwelt-, Wirtschafts- und sozialer Gerechtigkeit mittels guter Unternehmensführung und verantwortungsvoller Finanzentscheidungen.

Nach ausführlichen Beratungen ordnet der Ethikrat Unternehmen einer von drei Kategorien zu: Ausschluss, Engagement zur Veränderung oder „Best in Class“. Dabei werden unter anderem die Leistungen im Hinblick auf die SDGs (Sustainable Development Goals 2030), ESG-Kriterien (Environmental, Social and Governance) sowie weitere Nachhaltigkeits- und Sicherheitsindikatoren berücksichtigt.

Aus meiner Sicht sollte ein ethisches Unternehmen Folgendes gewährleisten:

  • Die Würde jedes Menschen wird respektiert.
  • Alle Anspruchsgruppen, insbesondere die Mitarbeitenden, werden fair behandelt – mit guten Arbeitsbedingungen, gerechter Bezahlung und Entwicklungsmöglichkeiten.
  • Das Unternehmen handelt ehrlich und nach guten Geschäftspraktiken.
  • Es übernimmt Verantwortung für die Umwelt, minimiert Umweltverschmutzung, reduziert Abfall und vermeidet Schäden an Natur und Umwelt.
  • Es ist gegenüber seinen Anspruchsgruppen transparent und stellt klare sowie wahrheitsgemäße Finanz- und Betriebsinformationen bereit.
  • Es übernimmt Verantwortung für verursachte Schäden oder Fehler, behebt diese unverzüglich und leistet gegebenenfalls Wiedergutmachung.

 

     Wir danken Ihnen für das Gespräch!