Die Wirtschaft ist zahlengetrieben. Will man wissen, wie es um nachhaltiges Wirtschaften steht, lässt sich auch dies wunderbar in Zahlen ausdrücken: 1 von 169 Folien, die der Adidas-Vorstand bei seiner diesjährigen Hauptversammlung den AktionärInnen präsentierte, bezog sich auf das Thema Nachhaltigkeit. Eine einzige!
Das Beispiel zeigt, warum es wichtig ist, immer wieder soziale und ökologische Themen anzusprechen. Genau das leistet die Responsible Finance Academy, eine Kooperation der Steyler Ethik Bank mit Hochschulen. Teams von Studierenden durchforsten die Nachhaltigkeitsberichte einer Aktiengesellschaft ihrer Wahl. Sie ermitteln, was gut läuft und wo Defizite bestehen, und bereiten daraus eine Rede für die Hauptversammlung des Unternehmens vor. Dort sprechen sie direkt zu Vorständen und Aufsichtsräten. Möglich ist dies, weil die Steyler Ethik Bank ihnen ihre Stimm- und Rederechte überträgt.
Wie vorbildlich ist Adidas?
In diesem Jahr nahmen zwei Teams der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg sowie ein Team der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Alfter an der Akademie teil. Sie setzten sich mit den Digitalunternehmen Scout24 und q.beyond sowie dem Sportartikel-Riesen Adidas auseinander.
Marie Fenk und Finn Grüttefien studieren an der Alanus Hochschule. Mit Adidas wählten sie bewusst eine Firma, mit der sie viel verbinden und die sie persönlich anspricht. „Adidas ist ein sehr großes, internationales Unternehmen. Es gibt also einen großen Hebel für Veränderung durch eine große Marktwirkung und weitreichende Lieferketten“, berichten sie. „Außerdem zeigt sich das Unternehmen gerne als Vorreiter im Bereich Nachhaltigkeit.“
Bei ihrer Analyse konzentrierten sich die beiden insbesondere auf die Lieferkette und den ökologischen Fußabdruck. Adidas setzt auf Siegel wie „Better Cotton“ oder „Leather Working Group“, um Mindeststandards bei Lieferanten zu garantieren. Beide Label überzeugten die Studierenden nicht. Zu viele Fragen bleiben offen: „Das Leder-Label ermöglicht keine Rückverfolgung zu den Schlachthöfen und Farmen. Wie die Umstände für die Tiere dort sind und wie dort mit Wasser und Chemikalien umgegangen wird, ist durch das Label nicht abgedeckt.“
Auch die Lieferkettentransparenz für Baumwolle lässt zu wünschen übrig. „Das Label der Better Cotton Initiative steht stark unter Kritik, da es keine relevanten Nachhaltigkeitsstandards zertifiziert, sondern lediglich die jährliche schrittweise Verbesserung der Nachhaltigkeit der Akteure in der Lieferkette kontrolliert“, so der Befund des Teams. „NGOs werfen Better Cotton vor, Landgrabbing, Kinderarbeit und Zwangsarbeit nicht ausschließen zu können und zeigen Fälle von Landraub, Regenwaldabholzung und Korruption auf“. Alles Themen, die Marie in ihrer Rede ansprechen. Ebenso wie die Umweltkampagne „Klimaneutral bis 2050“, die ein Gericht als Greenwashing einstufte. Adidas darf seither nicht mehr mit dem Slogan werben, ohne ihn zu differenzieren.
Zu Beginn zittern die Knie
Wie fühlt sich ein junger Mensch, wenn er einflussreichen Menschen gegenübertritt, die Millionen Euro im Jahr verdienen? „Während der Hauptversammlung war ich deutlich nervöser, als ich erwartet hatte“, berichtet Marie Fenk. „Wahrscheinlich so nervös wie noch nie! Einen Vorstand direkt zu kritisieren und vor ihm zu sprechen, hat mich viel Mut gekostet – meine Knie haben zu Beginn der Rede stark gezittert.“ Doch zum Glück legte sich die Nervosität schnell.
Es braucht Mut, solch eine Rede zu halten. Zugleich braucht es eine gute Unterstützung. Letzteres erhalten die Studierenden durch das Team der Steyler Ethik Bank. Thekla Swart und Jan Merbecks, Referentin bzw. Referent für Ethik und Nachhaltigkeit, begleiteten die Teams durchgehend. Gemeinsam mit den kooperierenden Hochschulen sorgten sie für die fachlichen Grundlagen und unterstützten die Erstellung der Reden. „Für uns ist es jedes Mal eine spannende Erfahrung mit Studierenden zu arbeiten. Viele bringen eine besondere Perspektive auf Nachhaltigkeit mit“, sagt Jan Merbecks. „Die Responsible Finance Academy funktioniert in zwei Richtungen. Auf der einen Seite geben wir den Studierenden unser Wissen an die Hand, auf der anderen Seite profitieren wir von den frischen Ideen und Blickwinkeln, die die Studierenden einbringen.“
Mit der Responsible Finance Academy fördert die Steyler Ethik Bank junge, nachhaltigkeitsinteressierte Menschen. Zugleich ist das Projekt ein Instrument des aktiven Aktionärstums: Einfluss nehmen auf Wirtschaftsprozesse, damit diese sozialer und umweltfreundlicher werden. Ein großes Ziel, bei dem die Studierenden Partner und Protagonisten sind.
Bei Scout24 zeigt man sich nahbar
Olivia Weiß und Robin Huck von der Fachhochschule Bonn-Rhein-Sieg knöpften sich Scout24 vor. Das Unternehmen ist für Vergleichsplattformen wie ImmoScout24 bekannt und mittlerweile im Club der wertvollsten deutschen Aktiengesellschaften angekommen, dem DAX. Nach aufwändiger Recherche kristallisierten sich in ihrer gemeinsam verfassten Rede drei Themen heraus:
- Energieeffizienz und erneuerbare Energien in der Cloud-Infrastruktur.
- Transparenz bei Lobbying und politischer Einflussnahme.
- Datenschutz im Hinblick auf aktuelle rechtliche Entwicklungen.
„Die Rede von Robin war megagut“, erzählt Olivia Weiß beim Abschluss-Seminar. Ebenso begeistert sind beide von dem, was dann passierte. „Sowohl der Aufsichtsrat-Vorsitzende Dr. Hans-Holger Albrecht als auch CFO Martin Mildner nahmen sich in der Pause Zeit für ein persönliches Gespräch mit uns.“ Die Firmenlenker stellten viele Fragen: „Woher kommt ihr, was ist eure Motivation?“ Auch über die Responsible Finance Academy wollten sie mehr erfahren. „Das hat uns sehr überrascht, vor allem, dass uns Martin Mildner direkt das Du anbot“, erzählt Robin Huck. Es entwickelte sich ein direkter, offener Austausch zu den kritischen Punkten der Rede.
Doch damit nicht genug: Der CFO lud die beiden sogar in sein Berliner Büro ein, um den Austausch zu vertiefen. Flugs wurden die Kontaktdaten ausgetauscht. Schon im August soll das Treffen stattfinden.
Was bleibt?
Für die jungen Teilnehmerinnen ist die Responsible Finance Academy auch ein Abenteuer. Doch was bleibt, wenn die Hauptversammlung vorbei ist. Wirken Lob und Kritik nach?
Marie Fenk und Finn Grüttefien haben im Rahmen ihrer Recherchen herausgefunden, dass Abstimmungen bei Aktionärsversammlungen immer knapper werden. Es wird mittlerweile mehr um Entscheidungen gerungen. Das Engagement nachhaltiger InvestorInnen erhält somit mehr Gewicht, ist im Optimalfall sogar das Zünglein an der Waage.
Selbstverständlich ist den Projektbeteiligten bewusst, dass ihr Einfluss begrenzt ist. Trotzdem glauben sie an das Projekt: Weil es Bewusstsein schärft und Öffentlichkeit schafft. Eine unmittelbare Wirkung hat die Akademie für die Studierenden selbst. Alle Teilnehmenden betonen, wie sehr sie von der Erfahrung profitiert haben. Tim Linser, der gemeinsam mit Paul Schütgens und Özgün Güleryüzlü das IT-Unternehmen q.beyond analysierte, ist sehr glücklich: „Der Aufwand war hoch, da wir uns durch Hunderte von Berichten arbeiten mussten“. Doch die Mühe hat sich gelohnt: „Diese Kooperation ist eine Besonderheit, da Nachhaltigkeit im Studium oft nur theoretisch bleibt. Hier durften wir echte Praxisverantwortung übernehmen und aktiv das Stimmrecht für eine renommierte Bank ausüben. - Das ist ein Alleinstellungsmerkmal in unserer akademischen Ausbildung.“
Diese Reden trugen die Teilnehmenden vor: