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Mitteilungen - Zeitung und Kaffee

Ein Wissenschaftler vor dem Herrn

Bruder Karl-Heinz Arenz lehrt Geschichte an der Bundesuniversität von Pará

Bruder Karl-Heinz Arenz SVD
Von Markus Frädrich

30. September 2013 

Die Menschen am Amazonas haben Bruder Karl-Heinz Arenz so sehr fasziniert, dass er begann, sich wissenschaftlich mit ihrer Kultur und ihrer Geschichte zu beschäftigen. Heute lehrt der Steyler Missionar aus Deutschland Geschichte an der Bundesuniversität von Pará.

Bruder Carlos fährt Bus. Jeden Tag, einmal quer durch die Häuserschluchten von Belém, der Hauptstadt des brasilianischen Bundesstaates Pará. Prachtbauten aus der Zeit des Kautschuk-Booms fliegen am Fenster vorbei, Straßenhändler, die Kokos- und Paranüsse feilbieten, dann wieder prächtige Mangobäume. Bruder Carlos blickt aus dem Fenster, ordnet seine Gedanken. Bereitet sich auf die heutige Vorlesung vor.

Bruder Carlos heißt eigentlich Karl-Heinz – und seine eigentliche Heimat ist die Eifel-Gemeinde Gillenbeuren. Nach Belém kam er vor einigen Jahren, um an der dortigen Universität moderne und zeitgenössische Geschichte zu lehren. Karl-Heinz Arenz ist Vollblut-Wissenschaftler. Und zugleich Ordensmann. Seit rund 30 Jahren gehört er zu den Steyler Missionaren.

„Manchen erscheint diese Kombination ungewöhnlich“, sagt der 49-Jährige. „Aber meine Arbeit hat viel mit den Grundsätzen unserer Ordensgemeinschaft zu tun. Die Steyler Missionare haben es sich zur Aufgabe gemacht, weltweit Kulturen mit großem Respekt zu begegnen, sie zu erforschen und zu verstehen. Meine Lehrtätigkeit steht in dieser Tradition.“

Zehn Stunden pro Woche verbringt Karl-Heinz Arenz im Vorlesungssaal. Daran, dass ihnen ein europäischer Missionar ihre eigene Kultur und Geschichte vermittelt, haben sich seine Studenten längst gewöhnt. „Es ist ein Phänomen der Globalisierung“, sagt Arenz. „Im wissenschaftlichen Bereich gibt es ja viele internationale Lehrkräfte.“ Außerdem scheint der Missionar aus Deutschland im kulturellen Erbe des einfachen Amazonasvolks eher zu Hause zu sein als seine brasilianischen Kollegen. „Die stammen nämlich meist aus der Mittel- oder Oberschicht“, sagt Arenz. „Sie sind zwar Historiker, haben aber kaum Kontakt zur ‚einfachen‘ Bevölkerung.“

Bruder Carlos dagegen hat jahrelang „an der Basis“ gelebt und gearbeitet. In Oriximiná, wo die Steyler Missionare ihre Arbeit 1980 am Amazonas begannen, hat er sechs Jahre lang Katecheten und Gemeindeleiter ausgebildet – in einem Pfarrgebiet, dessen Größe in etwa einem Drittel der Fläche Deutschlands entspricht. „Ich hatte Gelegenheit, in die Lebensweise der Dorfbewohner einzutauchen“, erinnert sich Arenz. „Ich habe gesehen, in welch enger Verflechtung sie zur Natur leben, und ihre ganzheitliche Lebensauffassung kennengelernt. Ihr Grundsatz ist: Wir müssen die Natur nicht beherrschen, sondern uns mit ihren Kräften respektvoll arrangieren. Vor allem aber das indianische Erbe in ihren Riten hat mich interessiert. Manches ist verloren gegangen, aber vieles hat sich gehalten.“

Der Pajé zum Beispiel – eine Art Medizinmann, den auch gläubige Katholiken in den Dörfern bis heute konsultieren, wenn ihre Welt aus den Fugen geraten ist. „Dem Pajé wird nachgesagt, zerbrochene Ordnungen wiederherstellen zu können – Krankheiten zu heilen, Naturgewalten zu bändigen, Gefühlsausbrüche zu erklären“, sagt Bruder Arenz. „Er ist ein Schamane, würde das aber selbst nie von sich behaupten. Er ist der Meinung, seine heilende Gabe von Gott empfangen zu haben. Dazu passt, dass Pajés ihre Zeremonien oft mit Gebetsformeln beginnen und in ihren Häusern Heiligenfiguren verehren.“

Die Heilungspraxis der Pajés interessierte den Missionar so sehr, dass er 1999 an der Universität von São Paulo über sie promovierte. Auch sein Weiterstudium in Frankreich widmete er vor allem den Caboclos – jener Bevölkerungsgruppe mit indianischen und portugiesischen Einflüssen, die heute am Amazonas zu Hause ist, und in deren Kultur afrikanische Religionen, christliches Gedankengut und indigene Kulte zu einer Synthese verschmolzen sind.

„Mich fasziniert, welche Dynamik durch diese kulturellen Begegnungen entstanden ist“, sagt Arenz, während der Bus an der Basilika der „Nossa Senhora de Nazaré“ vorbeifährt. Hier laufen gerade die Vorbereitungen für den alljährlichen Círio auf Hochtouren, der als das größte religiöse Fest Brasiliens gilt: Bis zu zwei Millionen Menschen kommen nach Belém, um auf einer Sänfte ein Marienbildnis durch die Straßen zu tragen. 1793 fand die erste Prozession dieser Art statt – Glockengeläut und Böllerschüsse künden schon seit Tagen davon, dass der nächste Círio schon in wenigen Tagen vor der Tür steht.

Feste und Riten wie der Círio, die den christlichen Glauben sinnlich erfahrbar machen wollen, sind am Amazonas stark verbreitet – ein Verdienst sicherlich auch des Jesuitenordens, der das Gebiet einst mit seinen Missionen prägte. Wie die Jesuiten mit ihrem „heiligen Experiment“ der Reduktionen die Kultur am Amazonas bis heute positiv wie negativ beeinflusst haben, untersucht Bruder Arenz wissenschaftlich. Dazu übersetzt der Steyler Missionar unter anderem die Schriften des Jesuitenpaters Johann Philipp Bettendorff vom Lateinischen ins Portugiesische, um sie über das Institut für Kulturerbe zu publizieren und einer breiten Öffentlichkeit zugängig zu machen.

„Latein hat als Sprache in Brasilien so gut wie überhaupt keine Bedeutung – deshalb habe ich mich der Übersetzung der Schriften angenommen“, sagt Arenz. Bettendorff, 1625 in Luxemburg geboren, gebe in seinen Berichten einen Einblick in den Alltag der ersten Missionen am Amazonas, beschreibe aber auch die Sitten und Bräuche der Indios. „Auch dem Pajé begegnen wir in den Schriften Bettendorffs“, sagt Arenz. „Interessant ist, dass die Indios auch den Missionar vor Ort als Pajé bezeichnet haben, allerdings als „schwarzen Pajé“, wegen der Farbe seiner Sutane.“

Auch in der Millionenstadt Belém gibt es noch eine alte Jesuitenkirche: São Alexandre. Heute wird sie allerdings nicht mehr als Gotteshaus, sondern als Museum für religiöse Kunst genutzt. Am Nachmittag wird Bruder Arenz dort vorbeischauen, um die Planungen eines Bildungsprojekts voranzutreiben - mit Schulkindern aus den Favelas, den Armenvierteln der Stadt.

„Wer in den Favelas lebt, bekommt schnell eine Ghetto-Mentalität“, sagt der Steyler Missionar, während der rot-weiße Linienbus vorbei an ärmlichen Bretterverschlägen stadtauswärts ruckelt. Kloakengestank dringt durchs Schiebefenster, Kinder spielen vor einer kleinen Fahrradwerkstatt, Frauen hängen Wäsche auf die Leine. „Mit unserem Projekt wollen wir Kinder aus schwachen sozialen Verhältnissen dazu anregen, Kontakt zu ihrem kulturellen Erbe zu bekommen“, so Arenz. „Wir wollen zeigen, dass Kultur nicht den Intellektuellen vorbehalten ist, sondern mit ihrer eigenen Identität zu tun hat.“

Als Missionar sei es ihm wichtig, dem universitären Elfenbeinturm hin und wieder zu entkommen, sagt Bruder Karl-Heinz Arenz. Für heute geht es aber erst einmal in den Hörsaal: Die Bustüren spucken den Steyler Missionar und eine Studententraube direkt an die Campuspforte. Rund 36.000 Studenten lernen an der Universidade Federal do Pará wissenschaftliches Arbeiten, an den unterschiedlichen Instituten unterrichten 2.266 Lehrende. Einer davon ist ein Steyler Missionar mit einem Faible für den Kulturenmix am Amazonas und seine Ursprünge. Bruder Karl-Heinz Arenz.

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