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Tropeninsel in Trümmern

24 Tage bevor der Taifun Haiyan im vergangenen Jahr die philippinischen Visayas verwüstete, erschütterte ein starkes Erdbeben die beliebte Touristeninsel Bohol.

Im Taifun-Chaos gerieten das Beben und seine Folgen international in Vergessenheit. Die Steyler Missionare halfen beim Wiederaufbau.

Lovely-Jane und ihre Familie in ihrem neuen Haus, das sie mit Hilfe der Steyler Missionare gebaut haben
02. Oktober 2014

Von: Markus Frädrich

Gut eine Flugstunde entfernt von Manila liegt das Paradies. Feiner Korallensand. Sattgrüne Tropenwälder. Märchenhafte Unterwasserwelten. Bohol – die zehntgrößte Insel der Philippinen – verdient ihren Ruf als Urlaubsparadies.

Türkisblau das Wasser, schneeweiß die Strände, atemberaubend schön die berühmten „Chocolate Hills“, ein aus über 1000 perfekt geformten Gebirgskegeln bestehendes Naturwunderwerk.
 
Bohol ist als Heimat des Tarsiers bekannt, des kleinsten Halbaffen der Welt, samt seiner charakteristischen Kulleraugen. Eine Bootsfahrt auf einem der Restaurantschiffe auf dem Loboc River gehört zum Pflichtprogramm eines jeden Touristen. Und auch sie bestimmen das Bild der Insel: Unzählige historische Steinkirchen, Zeugnisse aus der spanischen Kolonialzeit.
 
Wenigstens diese Passage müssen etliche Verlage in den Neuauflagen ihrer Reiseführer künftig streichen, denn die Steinkirchen sind passé. Traurige Schutthaufen sind alles, was von den eindrucksvollen historischen Bauten noch übrig ist. Mit einem großen Knall sind sie in sich zusammengesunken, am 15. Oktober 2013.
 
30 Sekunden Erdbeben
Länger hat die Erde nicht gewackelt. Doch eine halbe Minute und 7,2 auf der Richterskala haben ausgereicht, um knapp 73.000 Gebäude zu beschädigen – und über 300.000 Menschen obdachlos zu machen. Das Beben, so ist später in Berichten zu lesen, setzte dieselbe Energie frei wie 32 Hiroshima-Bomben.

Über 200 Menschen haben ihr Leben verloren, und hätte sich die Katastrophe nicht an einem Feiertag ereignet, an dem Schulen und öffentlichen Gebäude geschlossen waren: Die Bilanz des schlimmsten Bebens seit 23 Jahren wäre noch weitaus verheerender ausgefallen.
 
Lovely-Jane hatte enormes Glück. Als die Erde bebte, schlief die 10-Jährige noch. Als die Schränke und Bilder im Inneren ihres Hauses wild zu tanzen begannen, schreckte sie hoch. „Ich erinnere mich nur noch, wie mich mein Vater gepackt und hinausgetragen hat“, sagt sie „Kurz danach ist das komplette Dach eingestürzt.“
 
Lovely-Jane und ihre Familie wohnen im Ortsteil Busao der Stadtgemeinde Maribojoc. In dieser Gegend hat die Insel die schwersten Schäden erlitten: Das Beben zerstörte Straßen, Häuser und Brücken. Lange Zeit waren die Bewohner komplett von der Außenwelt abgeschnitten, mussten ohne Strom, Wasser und Nahrung ausharren. Lovely-Jane erinnert sich an die vielen Nächte, die sie mit ihren Eltern und mit ihrer Schwester im Freien schlafen musste. Über 800 Nachbeben mit Stärken von bis zu 5,4 auf der Richterskala hielten die Familie noch Wochen in Atem.
 
Eine zerstörte Kirche
So wie von der historischen Pfarrkirche von Maribojoc aus dem Jahr 1768 ist auch vom relativ neuen Gotteshaus in Busao nur noch Schutt und Asche übrig. Pater Florante Camacho war zum Zeitpunkt des Erdbebens in der Insel-Hauptstadt Tagbilaran unterwegs.

„Wegen der zerstörten Brücken brauchte ich Tage, um nach Busao zurückzukommen“, erzählt er. „Was ich vorfand, waren nur noch Ruinen.“ Der Steyler Missionar versuchte, der Situation mit Gelassenheit zu begegnen. „Ich habe mir gesagt: Scheinbar ist das Gottes Wille. Vielleicht mochte er das Aussehen unserer Kirche nicht und wollte etwas Neues. So müssen wir halt von vorne anfangen.“

Stein um Stein wollen die Dorfbewohner ihre Kirche wiederaufbauen: An ihrem Gottvertrauen hat das Erdbeben nicht gerüttelt. „Im Gegenteil“, meint Pater Camacho. „Menschen, die ich niemals gesehen hatte, kamen nach dem Erdbeben in die heilige Messe. Nach der Katastrophe sind die Menschen enger zusammengerückt, statt Gott zu hinterfragen oder ihn anzuzweifeln. Sie haben sich gegenseitig geholfen, alle waren sehr großzügig miteinander. Darauf bin ich stolz, weil es zeigt, wie tief die christlichen Werte auf dieser Insel verwurzelt sind.“
 
Gottesdienst unter einem Zeltdach
Bis ihre Kirche wieder steht, versammeln sich die Gemeindemitglieder von Busao sonntags unter einem provisorischen Zeltdach zum Gottesdienst. Weil auch das Pfarrhaus zusammengefallen ist, hat Pater Camacho in der ehemaligen Sakristei hinter einem Vorhang eine Feldpritsche bezogen. Sanitäre Einrichtungen gibt es nicht. Aber einen Nachttopf, mit dem der Missionar jeden Morgen die Blumen gießt. „Wenn die Menschen leiden und Einschränkungen in Kauf nehmen, warum sollte ich das als Gemeindepfarrer nicht?“ fragt er. „Ich bin doch einer von ihnen.“
 
Nur ab und an steigt Pater Camacho in sein Auto, passiert auf der Fahrt in die Hauptstadt verlassene Ruinen, provisorische Zeltlager und gefährlich tiefe Erdspalten und bespricht sich im Hauptquartier der Steyler auf Bohol mit seinen Mitbrüdern. Wo benötigen die Boholanos noch weitere Hilfe? Welche Fortschritte macht der Wiederaufbau? Rund 6.000 Familien haben die Ordensleute nach dem Erdbeben bislang geholfen. Zunächst mit Hilfsgütern wie Reis und Wasser, Seife und Töpfen. Später mit Finanzspritzen für die Reparatur ihrer Häuser.
 
Eine gute Nachricht für heute:
Das Steyler Krankenhaus auf dem Campus der Holy-Name-Universität, das im Erdbeben große Schäden erlitten hatte, kann demnächst einen weiteren Trakt wiedereröffnen. Zwei Monate mussten es die Missionare nach dem Beben komplett schließen, die Patienten provisorisch im Freien und in der Turnhalle der Universität behandeln.

Teile des vierstöckigen Gebäudes riechen inzwischen wieder nach frischer Farbe, während im gesamten Obergeschoss noch Bauarbeiter hämmern und werkeln. „Es geht wieder aufwärts“, berichtet Krankenhausleiter Pater Romeo Bacalso seinen Mitbrüdern optimistisch. „Allerdings haben wir sehr damit zu kämpfen, dass viele unserer technischen Geräte kaputt gegangen sind, etwa unser Computertomograph.“
 
Auf der Rückfahrt nach Busao hüllt die untergehende Sonne die Schönheit der Insel in sanftes Licht. Kokosnusspalmen und Hütten aus Bambus und Nipa säumen die Straßen. Immer wieder geben sie den Blick auf das offene Meer frei.
 
Zurück in den Familienalltag
Vor dem Abendessen schaut Pater Camacho noch einmal bei Lovely-Jane und ihrer Familie vorbei. Hinter den Trümmern ihres eingestürzten Hauses hat Vater Henry mithilfe der Steyler ein neues, solides Holzhaus aufgebaut. Der Familienalltag, den das Beben im vergangenen Oktober ordentlich auf den Kopf gestellt hatte, hat sich endlich wieder normalisiert.
 
Ein Kalender an der Wand über dem Esstisch zeigt die schönsten Kirchen der Insel – vor jenen 30 Sekunden, die ihnen zum Verhängnis wurden. Die Familie will sich erinnern. Zugleich schaut sie nach vorn. Mit dem Wiederaufbau ihres eigenen Hauses ist der Anfang gemacht.

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