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„So etwas darf nicht noch einmal passieren“

Vergewaltigungen in Indien

John Barwa SVD, Erzbischof von Cuttack-Bhubaneswar
12. August 2013

Von Markus Frädrich

Als am 16. Dezember 2012 die 23-jährige Inderin Jyoti Singh Pandey von sechs Männern vergewaltigt wurde und Tage später ihren schweren inneren Verletzungen erlag, löste die Tat Massenproteste in Indien und ein weltweites Medienecho aus.

Nun soll eine 28-jährige katholische Ordensschwester im Bundesstaat Orissa von ihren eigenen Cousins entführt und vergewaltigt worden sein. Markus Frädrich im Interview mit John Barwa SVD, dem Erzbischof von Cuttack-Bhubaneswar.

Bischof Barwa, die Empörung nach der Vergewaltigung der jungen Studentin in Delhi war groß. Nun macht der Missbrauch einer katholischen Novizin erneut Schlagzeilen. Hat sich in Indien nichts an der Haltung gegenüber Frauen geändert?
Die Vergewaltigung von Delhi stand Wochen im Fokus der Sensationsberichterstattung. Man muss aber sehen, dass die unverantwortlichen Taten einiger weniger Männer nicht für die Haltung der gesamten männlichen Bevölkerung Indiens stehen. Nach der Vergewaltigung der Studentin in Delhi haben die massiven Proteste und Demonstration dem Zorn der Menschen und ihrer Missbilligung eines solchen, unmenschlichen Aktes Luft verschafft. Es gab seitdem Fortschritte in vielen Bereichen. Die indische Bevölkerung ist für unmenschliches Verhalten sensibilisiert worden, insbesondere gegenüber Frauen.

Warum fällt es manchen Indern offensichtlich trotzdem so schwer, die Würde der Frau zu respektieren. Was kann die katholische Kirche tun, um auf dieses Problem aufmerksam zu machen?
Weil die indische Gesellschaft immer noch von jahrhundertealten Mitgiftverpflichtungen bestimmt wird, wird ein männliches Kind als großer Segen empfunden. Ein weibliches Kind steht hintenan. In unserer von Männern dominierten, patriarchalischen Gesellschaft sind Frauen dazu verdammt, Menschen zweiter Klasse zu sein. Übrigens ist vor allem der große Prozentsatz von Analphabeten in unserer Gesellschaft der Grund für so eine Mentalität. In katholisch geführten Einrichtungen lehren wir Liebe, Respekt, Menschlichkeit, die Achtung moralischer Werte und die Gleichheit von Männern und Frauen. Frauen dürfen in keinster Weise benachteiligt werden. Auch nicht bei der Suche nach einer Arbeitsstelle.

Sie haben die Vergewaltigung der Ordensschwester, die von ihren eigenen Cousins verschleppt, tagelang in Geiselhaft gehalten und mehrfach missbraucht worden sein soll, als „Schande“ bezeichnet. Was muss jetzt passieren?
Wir müssen jede Tat verurteilen, die gegen die Menschenwürde ist. So etwas darf nicht noch einmal passieren. Die Gewalt gegenüber Frauen in Indien findet ihre Ursache in der Tatsache, dass die menschliche Sexualität bei uns für viele Jahrhunderte ein Tabu war, über das nicht offen gesprochen werden durfte. Sie war niemals etwas, was man gewusst, gelernt oder im weiteren Sinne verstanden hat. Anstatt das Thema unter den Tisch zu kehren, ist es heute absolut wichtig, differenzierten Aufklärungsunterricht zu geben. Wir müssen Kindern und jungen Leuten helfen, sich gesund und mit Verständnis für ihre eigene Sexualität zu entwickeln. Wir wollen es ihnen ermöglichen, zu reifen und zu verantwortungsvollen Menschen heranzuwachsen. Die katholische Kirche wirbt zunehmend um Aufmerksamkeit und Respekt für die Würde des Menschen.

Haben sich nach Ihrer Auffassung die Polizei und die Regierung nach dem Vorfall angemessen verhalten?
Ja. Die Polizei und Beamte der Regierung haben den Vorfall genau untersucht. Wir sind guter Hoffnung, dass dem Opfer und allen, die an der Tat beteiligt waren, Gerechtigkeit widerverfahren wird.
 

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