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Die Vergessenen von Naka

Pater Marcin Karwot

Das Flüchtlingslager in Naka
Der Steyler Missionar Pater Marcin Karwot setzt sich für Flüchtlinge ein, die bei den politischen Unruhen in Kenia 2007/2008 aus ihren Häusern vertrieben worden sind. Seither führen Sie ein Leben ohne Hoffnung.
 
Wenn Kezia von früher erzählt, wird ihre Stimme brüchig. Früher, da war sie Arbeiterin auf einer Teeplantage in den Nandi Hills. Es gab viel zu tun, aber es wurde auch gut bezahlt.
 

Mit ihrer Familie und den anderen Arbeitern war Kezia in soliden Häusern untergebracht, die ihrem Arbeitgeber gehörten. Bis eines Tages die Nachbarn anrückten. Und alles anzündeten.

Denn Kezia ist eine Kikuyu. Sie gehört damit der gleichen Volksgruppe an wie Präsident Mwai Kibaki, der sich bei den Parlamentswahlen 2007 an die Spitze des Landes manipulierte.


 

 

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So empfanden es damals zumindest Oppositionskreise und internationale Wahlbeobachter. Es brachen Unruhen aus, die ganz Kenia erschütterten.

Überall machte man Jagd auf die Kikuyu, die bis dato die wichtigsten Positionen des Landes bekleideten. Zu den blutigsten Auseinandersetzungen kam es im südlichen Teil der Provinz Rift Valley. Kezias früherer Heimat.

Hier künden Skelette aus verkohlten Dachbalken noch heute von den damaligen Ereignissen: Die Häuser der Kikuyus fielen Bränden und Plünderungen zum Opfer. Überall stiegen Rauchschwaden auf, die Situation geriet immer mehr außer Kontrolle. Kinder und Frauen wurden vergewaltigt, Unschuldige auf offener Straße erschossen.

In ganz Kenia forderten die Unruhen etwa 1.500 Todesopfer, mehr als 600.000 Menschen verloren ihr gesamtes Hab und Gut. Allein in Eldoret, der viertgrößten Stadt Kenias, zählte das Rote Kreuz beinahe 500 Tote. Auf dem Messegelände der Stadt im Westen des Landes fanden 130.000 Verfolgte notdürftig in Zelten Unterschlupf, die ihnen Hilfsorganisationen zur Verfügung stellten. Ein Zustand, der eigentlich vorübergehend sein sollte.
 
Doch bis heute, sechs Jahre später, ist ein kleines Zelt Kezias einziger Besitz. Inzwischen lebt sie nicht mehr auf dem Messegelände, sondern in Naka, einem Flüchtlingslager, in dem Verfolgte aus den Nandi Hills und Kapsabet Unterschlupf gefunden haben. Doch längst ist Kezias Dankbarkeit für einen Zufluchtsort der Befürchtung gewichen, auf immer im Lager gefangen zu sein.
 
Vorbei an einer improvisierten Feuerstelle betritt die junge Frau die Behausung ihrer Familie: Unter der Zeltplane ist es düster und stickig. Auf fünf Quadratmetern lebt Kezia mit ihrem Mann und ihren fünf Kindern. Matratzen gibt es nicht: Nachts schläft die Familie eng aneinandergekuschelt auf dem Boden, einige Kleidungsstücke dienen als Polster. Zugleich schützen sie vor eindringendem Wasser, denn die Plane ist löchrig, die Regenzeit gnadenlos.
 
Tagsüber versucht Kezias Mann, sich als Tagelöhner auf den angrenzenden Landgütern zu verdingen. Aber von den 50 bis 100 kenianischen Schilling – umgerechnet nicht einmal ein Euro – kann die Familie nur das Nötigste kaufen. Seit Wochen schmerzt Kezias Bein: Es ist dick und angeschwollen. Kezia ist Diabetikerin, doch einen Krankenhausaufenthalt kann sich die Familie nicht leisten.
 
607 Männer, Frauen und Kinder teilen Kezias Schicksal im Flüchtlingslager von Naka. Alte Menschen wie der 86-jährige Joseph, in dessen Zelt Backofen-Temperaturen herrschen, weil er Löcher in der Plane mit Plastikmüll und anderen luftundurchlässigen Materialien abgedichtet hat. Und junge Menschen wie Isaack, der in der trostlosen Zeltstadt nicht nur seine betagten Eltern durchbringen muss, sondern auch seine neugeborene Tochter. „Es war schwer, genug Geld zusammenzubekommen, dass meine Frau sie im Krankenhaus zur Welt bringen konnte“, sagt er. „Es trifft mich sehr, dass sie in einem Lager aufwachsen muss, in dem es keinen Strom und nur zwei Toiletten für 600 Menschen gibt.“
 
Für Pater Marcin Karwot sind das unhaltbare Zustände. Noch genau erinnert er sich an seinen ersten Besuch in Naka im vergangenen Jahr. „Es übertraf meine schlimmsten Befürchtungen“, erinnert er sich. „Die Bedingungen, unter denen diese Menschen leben müssen, sind einfach ein Albtraum.“ Mit Mitteln aus seiner Heimat organisierte der Steyler Missionar als erstes den Bau eines Brunnens im Lager. „Vorher mussten die Bewohner viele Kilometer zurücklegen, um an frisches Wasser zu kommen“, sagt Karwot. „Jetzt bekommen sie es direkt vor der Tür.“
 
Pater Marcin ist inzwischen ein regelmäßiger Gast in Naka. So schockiert er von dem Elend in Naka ist, so beeindruckt ist er vom Zusammenhalt der Flüchtlinge. „Sie leben wie eine große Familie miteinander“, sagt er. „Sie helfen und unterstützen sich gegenseitig.“ Mit Solomon Kariuki hat das Lager sogar so etwas wie einen Bürgermeister. „Wenn Pater Marcin zu uns kommt, wissen wir, dass es Hoffnung für uns gibt“, sagt er.
 
Eine Rückkehr in ihre alte Heimat schließt der Großteil der Lagerbewohner aus – zu groß ist die Angst, dass sich die Ereignisse von 2007/2008 wiederholen. Deshalb will Pater Marcin den Bewohnern von Naka dabei helfen, sesshaft zu werden, und auf ihrem neuen Land Häuser und sanitäre Einrichtungen zu bauen. „Wir müssen zunächst die Grundvoraussetzungen für ein menschenwürdiges Leben schaffen“, sagt der Steyler Missionar.
 
Seine zweite Sorge: Die Kinder – und deren Zukunft. „Die meisten Eltern im Lager können kein Schulgeld für ihre Kinder bezahlen“, sagt er. „So wachsen die Kinder ohne Bildung auf und haben keinerlei berufliche Perspektive.“ Die wenigen Schulkinder im Camp lernen unter schwierigsten Bedingungen. „Weil meine Eltern kein Geld für den Bus haben, muss ich den weiten Schulweg zu Fuß zurücklegen“, erzählt Jane, ein zehnjähriges Mädchen. „Dazu muss ich sehr früh aufstehen. Oft gehe ich mit leerem Magen los, weil wir uns kein Frühstück leisten können. Auch das Geld für Bücher, Stifte und das Mittagessen in der Schule fehlt.“ Weil es ab sieben Uhr abends dunkel ist und es in Naka kein elektrisches Licht gibt, müssen die Schulkinder ihre Hausaufgaben bei Kerzenschein machen. „Aber manchmal haben meine Eltern nicht einmal Geld für Kerzen“, berichtet Jane.
 
Den Menschen von Naka bei ihrem Neustart ins Leben zu  helfen: Das ist Pater Karwots vorrangiges Ziel. „Es gibt viele Herausforderungen“, sagt er. „Aber als erstes muss sich etwas an der Unterbringung der Flüchtlinge ändern. In der Regenzeit ist es kalt und nass, überall gibt es Moskitoschwärme, Krankheiten wie Cholera verbreiten sich. Im Sommer sind die Menschen ungeschützt der Gluthitze ausgeliefert.“
 
Zu diesen äußeren Umständen gesellt sich die innere Verfassung vieler Flüchtlinge. Wenn Kezia nachts ihre Augen schließt, nachts, auf dem nackten Boden in ihrem stickigen Zelt, dann sieht sie häufig noch ihr altes Haus brennen, hört die wütenden Schreie der Angreifer. „Ich laufe ziellos davon“, sagt sie. „Und dann wache ich schweißgebadet auf.“ Das Trauma ihrer Vertreibung sitzt vielen Flüchtlingen noch in den Knochen. Pater Marcin Karwot möchte ihnen zeigen, dass sie nicht vergessen sind.
 


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