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Mitteilungsarchiv - Zeitung und Kaffee

Weltaidstag: "Den Kindern steht die Zukunft offen"

26. November 2012

 

Von: Markus Frädrich

Brasilien gilt als Musterschüler bei der Bekämpfung der Immunschwächekrankheit Aids. Seit Mitte der 90er Jahre verteilt die Regierung über das öffentliche Gesundheitssystem kostenfrei Medikamente an Infizierte.

 

Inzwischen können aidskranke Kinder ein Leben mit offener Zukunft führen – wenn sie das Glück haben, in Verhältnissen aufzuwachsen, in denen sie entsprechend betreut und versorgt werden. Die Kinder und Jugendlichen in der „Vila de Nazaré“ bei Vitória haben diese Chance. Markus Frädrich hat die Einrichtung der Steyler Missionare besucht.

 

Eigentlich sind Stefanie und Paloma schon viel zu alt für die Schaukel. Trotzdem sitzen die beiden Mädchen oft auf dem Spielgerät, quatschen über Musik, Jungs und Klamotten, über Dinge eben, die jedes normale Mädchen als Teenager umtreiben. Wobei: Ganz „normal“  ist das Leben für Stefanie und Paloma nicht. Gemeinsam mit den zehn übrigen Kindern und Jugendlichen, die hier, in der Vila de Nazaré, vor den Toren der brasilianischen Millionenstadt Vitória leben, eint sie ein Schicksal: Sie sind HIV positiv.

 

„Eigentlich geht es mir gut“, sagt Paloma. „Wenn man auf den Rat der Ärzte hört, kann man ein normales Leben führen. Wenn mir Menschen wegen meiner Krankheit mit Vorurteilen begegnen, dann tut das natürlich weh.“ Vor zehn Jahren, nach dem Tod ihrer Eltern, hat Paloma in einem der sechs Häuser der Vila de Nazaré ein neues Zuhause gefunden – einen Platz, an dem sie nicht fürchten muss, gemieden oder bloßgestellt zu werden. Wie in einer Großfamilie lebt die 15-Jährige mit den anderen Kindern auf dem Campus zusammen. So auch mit Stefanie. „Nach dem Tod meiner Eltern habe ich bei einer Tante gewohnt“, erzählt die 14-Jährige. „Aber die hat nie darauf geachtet, dass ich regelmäßig meine Medikamente nehme. Seit zwei Jahren lebe ich deshalb hier im Dorf.“

 
Vormittags gehen Paloma, Stefanie und die übrigen Kinder zur Schule, nachmittags kehren sie auf das Gelände der „Vila de Nazaré“ zurück, das mitten im Grünen liegt, weit weg von den Favelas, den Elendsvierteln der Großstadt, in denen viele von ihnen ihre ersten Lebensjahre verbracht haben. Hier essen sie gemeinsam zu Mittag, erledigen dann ihre Hausaufgaben in einem pädagogischen Zentrum, das mit Hilfe des deutschen Kindermissionswerks gebaut worden ist. Hier können die Kinder lesen, malen, ausspannen.
 
Der geregelte Tagesablauf: Er soll den Kindern Halt geben und ihnen das Gefühl vermitteln, Teil einer großen Familie zu sein, erklärt Doris Pereira de Almeida, die Leiterin der Vila de Nazaré.  „Was mir an meiner Arbeit am meisten Freude macht, ist das Zusammenleben mit den Kindern und Jugendlichen“, sagt sie. „Es tut gut, zu sehen, wie sie die Würde erlangen, Mensch, aber auch Kind Gottes zu sein. Wie sie wachsen, wie sie gesund und gesünder werden. Wie ihre körperliche und geistige Form wächst. Es erfüllt mich sehr, mit ihnen zusammenzuleben und von ihnen zu lernen.“
 
Für die temperamentvolle Brasilianerin ist ihre Arbeit gleichzeitig Berufung. „Das Wohl der Kinder hat für mich höchste Priorität“, sagt sie. „Jedes Kind hat seine Geschichte, seine ganz eigenen Bedürfnisse.“ Fragt man Doris Pereira de Almeida nach dem Schicksal eines Kindes, das bei ihr die größten Spuren hinterlassen hat, fallen ihr gleich viele Geschichten ein. Auch die von Carlinus.

 

„Er kam mit vier Jahren zu uns, ist mit zwölf Jahren an Krebs gestorben“, erinnert sie sich. „Aber er hat ein sehr glückliches Leben bei uns geführt. Seine Freude darüber, leben zu dürfen, hat uns alle angesteckt. Die Ärzte, die ihn auf seinem letzten Weg begleitete haben, sagten uns, dass er nur deshalb so lange gelebt hat, weil er nicht sterben wollte. Er war viel zu glücklich, um zu sterben. Ist ein so starker Lebenswille nicht inspirierend?“
 
Ortswechsel ins Reich der Krankenschwester. Fabiola heißt die gute Seele auf dem Campus der Vila de Nazaré, die genau im Blick hat, dass alle Kinder pünktlich ihre Medikamente nehmen. „Es gibt Tabletten, die sie alle zwölf Stunden nehmen müssen, manche müssen sie einmal am Tag nehmen“, erklärt Fabiola. „Es ist sehr wichtig, dass die Kinder auf die vorgeschriebenen Zeiten achten. Sonst wird die Behandlung unterbrochen, und das kann schwerwiegende Folgen haben.“

 

Einmal im Monat fahren alle zusammen zum Check in die Kinderklinik. Alle sechs Monate werden die Werte der Kinder bei einer größeren Untersuchung überprüft. Durch konsequente Beobachtung und Behandlung wird das HI-Virus, das die rund 20 Kinder und Jugendlichen der Vila de Nazaré in sich tragen, im Zaum gehalten.
 
Dank der immer besseren medizinischen Versorgung ist die Lebenswartung der Kinder stetig gestiegen. Pater Hugo Scheer, der das Projekt „Vila de Nazaré“ gemeinsam mit einer kirchlichen Laienbewegung aufgebaut hat, schaut einigen Jungs aus dem Dorf beim Fußballspielen zu. Mühelos stürmen die Nachwuchs-Kicker übers Spielfeld. Von Krankheit keine Spur.
 
„Es gab eine Zeit, in der ich alle paar Monate ein Kind beerdigt habe“, erinnert sich Scheer. „Zu Anfang kamen die Kinder zu uns und hatten dann noch drei, vier Jahre zu leben. Wir versuchten, ihnen, ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen, bis sie im Alter von sechs oder sieben Jahren starben.“ Mit den Medikamenten, die der Staat seit Mitte der 90er Jahre kostenfrei zur Verfügung stellt, gingen die Dinge aufwärts. „Mittlerweile können wir davon ausgehen, dass den Kindern die Zukunft offensteht“, sagt Scheer. „Das ist ein unglaublicher Fortschritt.“
 
Für die „Vila de Nazaré“ bedeutet das eine neue Herausforderung: Die Kinder und Jugendlichen sollen lernen, auf eigenen Beinen zu stehen. Dazu entsteht auf dem Gelände gerade ein neuer Bau: eine Lehrwerkstatt. Hier sollen die Jugendlichen Kochen, Nähen und Malen lernen, dazu Grundwissen in Sachen Mechanik und Elektrik erwerben, damit sie anschließend in einem brasilianischen Betrieb Fuß fassen und ein selbstständiges Leben führen können.

 

„Wir wollen die Kinder hier auf ein Familienleben vorbereiten“, sagt Scheer, während hinter ihm Fliesenleger einen großen Raum verschönern, der später einmal als Speisesaal und Lehrküche genutzt werden soll. „Viele von ihnen haben Träume. Mit unserer Hilfe sollen sie sie erreichen.“
 
Tatsächlich träumen sie: Paloma von einem eigenen Friseursalon, Stefanie von einem Psychologie-Studium, durch das sie „sich und andere Menschen besser verstehen will“, wie sie sagt. Ansporn für Hugo Scheer und seine Helfer, Paloma, Stefanie und den anderen Dorfbewohnern beim Start in ein selbstständiges Leben unter die Arme zu greifen.

 

„Die Vila de Nazaré hat 1993 ganz klein angefangen und ist inzwischen eine regelrechte Erfolgsgeschichte“, sagt der Steyler Missionar. „Jesus ist in die Welt gekommen, damit wir das Leben in Fülle haben: Genau das können wir den aidskranken Kindern inzwischen ermöglichen: Leben in Fülle. Und wir sind allen dankbar, die uns dabei helfen möchten, den Kindern und Jugendlichen trotz HIV ein selbstbestimmtes, eigenes Leben zu ermöglichen.“
 
Sie möchten den Ausbau der Vila de Nazaré unterstützen? Dann spenden Sie auf das Konto der Steyler Mission, Konto-Nr. 11 009 bei der Steyler Bank (BLZ 386 215 00), Stichwort „HIV-Projekt von Pater Scheer“.

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