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Mitteilungsarchiv - Zeitung und Kaffee

Norbert Blüm redet Klartext

13. März 2012

Der ehemalige Arbeitsminister Dr. Norbert Blüm ist im Unruhestand so aktiv wie eh und je. Mit dem Buch „Ehrliche Arbeit“ hat er seine persönliche Abrechnung mit dem Finanzkapitalismus veröffentlicht. Wir sprachen mit dem streitbaren Vordenker einer ethischen Weltsicht.

Norbert Blüm 

Dr. Blüm, auf dem Titel Ihres Buches „Ehrliche Arbeit“ lächelt - einem Buddha ähnlich - ein weiser Norbert Blüm. Im Inneren schreiben Sie sich Ihre Wut aus dem Bauch über die Auswüchse des Finanzkapitalismus. Ist Norbert Blüm auch ein Wutbürger?

Blüm: Wut ohne Verstand ist ja nur eine Form von Dummheit und Wut genügt nicht, die Welt zu verändern. Man muss die Welt verstehen, erkennen, aber Erkenntnis ohne Folgen ist auch falsch, dann muss man die Welt verändern. Dazu gehört auch wieder Emotion, der Mensch ist keine Verstandesmaschine.

Nach der gewaltigen Arbeit, die in diesem Buch steckt, was erwarten sie von Ihren Lesern, welche Lehren können sie aus dem Buch ziehen?

Blüm: Ich bin immer noch optimistischer Aufklärer und glaube, dass Ideen stärker sind als materielle Werte, das unterscheidet mich von Karl Marx. Aber die Ideen müssen die Menschen ergreifen, dann sind sie eine Weltmacht. Die Sowjetunion ist ja nicht unter dem Ansturm von Panzern und Raketen zusammen gebrochen, sie ist gescheitert an der Idee der Freiheit. Es geht mir um die Würde des Menschen. Doch unsere Zeit erklärt das Geld zu einer Substanz, zum Selbstzweck. Das Geld ist ein Mittel, nicht mehr. Man achte mal auf die Sprache: Geld regiert die Welt. Geld arbeitet. Ich habe Geld noch nie arbeiten sehen, trotzdem kann man mit Geld mehr verdienen als mit Arbeit, das ist eine Perversion. Aber dieses System wird die nächsten zehn Jahre nicht überleben.

Als alter Opelianer nehmen Sie viele Beispiele aus der Autowelt. Sind im Medienzeitalter, wo Facebook einen Börsenwert darstellt größer als jeder Autokonzern, nicht virtuelle Güter der bestimmende Faktor, das Next Top-Modell, unser Song für Baku und ähnliches?

Blüm: Wir werden noch lange herstellen und produzieren müssen. Von Facebook kann man sich nicht ernähren, Dienstleistung kann keiner essen. Dabei wächst die Dienstleistung auch ohne Menschen, man kann so viel automatisieren, rationalisieren, aber wir brauchen ein Wertesystem, das uns sagt, was ist wichtig, was ist wertvoll. Und diese Werte vermitteln sich über Bildung, sie ist die Zukunft unserer Gesellschaft, nicht jene Kommunikation, wo alle mit allen rund um die Welt twittern. Dann brauchen wir auch keinen Goethe mehr, eine Welt glücklicher Idioten ist heute machbar. Wollen wir eine Gesellschaft, in der alles am Geldwert festgemacht wird?

Der Mensch braucht Glauben und Vertrauen. Ich vertraue meinem Arzt, obwohl ich sein Tun nicht verstehe, ich vertraue dem Piloten, wenn ich ins Flugzeug einsteige und ich vertraue keinem Banker, weil keiner dieser Helden die größte Krise der letzten 50 Jahre gesehen hat. Diese Banker haben noch Millionen an Lehman Brothers überwiesen, da waren die schon bankrott.

Aber muss eine gesunde Bank nicht 25% Rendite erwirtschaften?

Blüm: Was für eine Ironie. Kennen Sie einen Schreinermeister, der 25% Rendite hat oder einen Industriebetrieb? Ich nicht! Wenn die Realwirtschaft weniger verdient als die, die mit Geld spielen, dann stimmt etwas nicht. Die Banken müssen wieder zu ihrem Kerngeschäft zurückkehren und der Realwirtschaft Geld zur Verfügung stellen, Investitionen ermöglichen statt Insidergeschäfte zu betreiben. Das ist der Sinn der Banken und das Ross ist nicht mehr so hoch, wie manche Banker glauben. Es entstehen Gegenmodelle wie die Scharia-Banken im Islam, die christlichen Banken wie in Sankt Augustin. Die fördern keine Waffenproduktion und keine Kinderarbeit. Und der Verbraucher muss auch keine Teppiche kaufen, die von Kindern geknüpft wurden.

Ich war in einem Steinbruch in Indien, wo Kinder für billige Grabsteine schuften mussten, ich habe dem Aufseher eine Strafpredigt gehalten, aber der hat nur gesagt: Ich liefere nur, was eure Importeure haben wollen und ich bin doch nicht euer Sozialminister. Wenn der Kunde König ist, bestimmt er auch, welche Produkte geliefert werden.

Und dann kommen die Liberalen und sagen: Was nicht verboten ist, ist erlaubt, das ist der ganze Offenbarungseid des Neoliberalismus.

Wenn man Ihr Buch, das Werk eines CDU-Urgesteins liest, sind Sie dann einem Oskar Lafontaine nicht näher als einer Angela Merkel?

Blüm: Ich bin am nächsten dem Ludwig Erhard, der hat eine soziale Marktwirtschaft als Programm gehabt. Aber wo der Lafontaine Recht hat, da hat er Recht, nur habe ich noch immer einen starken Vorbehalt gegen staatliche Allmacht, ich bin und bleibe Anhänger des Subsidiaritäts-Prinzips, der Hilfe zur Selbsthilfe. Das ist das modernste Solidaritäts-Prinzip, das es gibt. Zwischen dieser dummen Alternative „Der Einzelne oder der Staat“ steht das weite Feld der christlichen Soziallehre.

Gibt es denn nach dem Tod von Nell-Breuning (1890 – 1991 Säulenheiliger der Christlichen Soziallehrer, Vordenker für Ludwig Erhards Soziale Marktwirtschaft, akad. Lehrer von Dr. Norbert Blüm - Anm. d. Red.) noch eine katholische Soziallehre, hat sie Antworten auf die Fragen von heute?

Blüm: Das modernste Antikrisen-Programm ist für mich „Laborem exercens“ von Johannes Paul II., wo er gegen einen wild gewordenen Kapitalismus Stellung bezieht und klarstellt, dass die Würde des Menschen mit der Arbeit verbunden ist.

Was die weltweite Entwicklung betrifft, hat Papst Paul VI. mit „Populorum progressio“ ein immer noch gültiges Programm vorgelegt. Es ist alles gesagt, es gibt genug Papier, wir brauchen nur die Leute, die das heute verkünden, da fehlen die Nell-Breunings.

Wir sind schwächer geworden, aber denken Sie nur an die Kraft der Solidarnosc, einer christlichen Gewerkschaft. Als Stalin gefragt hat, „Wie viele Divisionen hat denn der Papst?“, hat er nur an die Schweizer Garde gedacht.

Haben Sie aus Ihrer Ethik heraus einen konkreten Rat an die Kunden der Steyler Bank?


Blüm: Die Neoliberalen verstehen am besten da, wo ihre Rendite sinkt. Das ist der einzige Nerv, den sie spüren, da muss man sie erwischen. Der Kunde entscheidet: Also geht er am besten zu genossenschaftlichen Banken, zu christlichen, zu Neugründungen und die sprießen wie Maiglöckchen im Frühjahr. Das sind die Hoffnungsträger, so zart, so zaghaft hat jede Wende begonnen. Die großen Elefanten merken einen Mückenstich nicht, aber wenn sie mal von tausend Mücken gestochen werden, dann fangen die an zu rennen.

Vielen Dank Dr. Blüm. Wir sehen und hören uns am 3. Mai zur Autorenlesung bei den Steyler Missionaren in Sankt Augustin. Bis dahin wünschen wir Ihnen alles Gute!

(Das Interview führte Ulrich C. Harz)

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