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Tagebuch Jutta Hinrichs

Zwischen Tagung und Tagebau

"Tagen, wo andere Urlaub machen." Mit solchen Versprechungen werben Kongresshotels gerne um die Gunst von Kunden. "Tagen, wo andere um ihre Existenz kämpfen", das ist dagegen in dieser Woche das Motto von Jutta Hinrichs, Nachhaltigkeitsexpertin der Steyler Ethik Bank. Vom 1. bis 6. September schult sie im indischen Bundesstaat Odisha Steyler Ethik-Scouts.

 

In Odisha leben sehr viele Kleinbauern indigener Abstammung. Wegen ihrer reichen Rohstoffvorkommen, ist die Region aber auch für Bergbaukonzerne attraktiv. Konflikte durch Tagebauwerke sind daher fast unvermeidlich. Genau aus diesem Grund findet die Tagung für Steyler Ethik-Scouts in der indischen Provinz statt und nicht in einem bequemen Kongress-Center. Denn genau darum geht es ja bei den Scouts: Sie sollen sich ihr eigenes Bild darüber machen, wie nachhaltig Unternehmen in Produktionsländern agieren.


Die Ethik-Scouts sind ein Netzwerk von Steyler Ordensleuten in 70 Ländern, die wichtige Informationen über Unternehmen aus dem Anlage-Universum der Steyler Bank liefern. So unterstützen sie die Investitionsentscheidungen der Anlage-Experten. Denn für eine wahrhaft ethische Geldanlage reicht es eben nicht, Firmenprospekte und die Berichte von Ratingagenturen zu lesen. 

 

 

Tagebuch Frauen verkaufenMein Blick hat sich verändert

 

Auf der strapaziösen Rückfahrt im Schlafwagen nach Kalkutta sehe ich wie schon auf dem Hinweg in allen Bahnhöfen unzählige Menschen auf den Bahnsteigen liegen. Meist haben sie ein Bündel neben sich, das nicht immer auf Anhieb zu identifizieren ist. Doch auch wenn sich die Bilder gleichen, hat sich mein Blick auf die Menschen verändert, denn ich kann einiges nun noch besser einordnen. Bei unserem Workshop haben wir viel über die Adivasi und ihre Lebensbedingungen gehört. Sie sind es, die nachts viele Kilometer zum nächsten Bahnhof laufen, wo sie schlafen, bevor sie mit dem Zug in die nächste Stadt fahren. Dort verkaufen sie auf den Märkten rund um den Bahnhof ihre Ernte oder handwerklichen Produkte. In ihren Bündeln verbirgt sich also alles Mögliche, von Ananasfrüchten bis zu kleinen Musikinstrumenten wie Zimbeln. Mit  ihren bescheidenen  Einkünften schaffen sie es irgendwie, sich und ihre Familien zu ernähren. Die Bahnhöfe sind wichtige Zwischenstationen auf diesen langen Wegen und daher ein Ort, an dem der tägliche Überlebenskampf dieser Menschen sichtbar wird. 

 

Tagebuch Kind auf GleisenKinder auf dem Weg zum Müll sammeln

Je näher wir nach Kalkutta kommen, desto größer wird die Zahl solcher Dauerpendler. Von meinem Fenster aus sehe ich Menschen in alten klapprigen Zügen mit Abteilen ohne Fenster und ohne Türen sitzen, alles ist offen, damit jeder jederzeit aufspringen kann. Auch viele Kinder sind dabei, oft nur mit einem leeren Sack ausgestattet, den sie zum Müllsammeln benötigen. Als ich kurz vor dem Einlaufen unseres Zuges in Kalkutta direkt unter meinem Fenster ein kleines etwa siebenjähriges Mädchen sehe, stockt mir für einen kurzen Moment der Atem. Das Kind ist offensichtlich alleine unterwegs, läuft auf dem schmalen Gleisbett zwischen zwei langsam rollenden Zügen und springt schließlich auf den rollenden Zug neben uns. Mir fallen die 25 Kinder aus dem Schlafsaal der Steyler Schwestern in Jharsuguda ein, von denen ich mich gestern verabschiedet habe. Im Vergleich zu diesem Mädchen hier haben sie wohl den absoluten Jackpot gezogen.         

 

Zurück im verwirrenden Gedränge Kalkuttas

Kalkutta gibt uns noch ein letztes Mal Gelegenheit, das pulsierende Leben Indiens in uns aufzusaugen:  - den chaotischen Verkehr, in dem sich der Stärkere durchsetzt (die untersten in der Rangordnung sind die Rikschafahrer)- die unzähligen Menschen mit ihren Bündeln, die am Straßenrand ihre Waren verkaufen wollen   - sehr viele hässliche, wild durcheinander gebaute Häuser und zwischendurch auch mal sehr schöne alte Gebäude, die den längst vergangenen Charme der britischen Kolonialzeit spürbar werden lassen.  

 

Am Ende meiner Reise ist mein Fazit: Es ist gut zu wissen, dass es in Indien sehr viele Steyler Schwestern und Missionare gibt, die sich an unterschiedlichen Orten für die Menschen vor Ort einsetzen. Und wenn die Steyler Bank und ihre Kunden hier gezielt Projekte fördern, so können wir sicher sein: Hier schafft Geld Gutes.

 

Tagebuch Hinrichs mit WaisenZwischen Abschied und Aufbruch

 

Inzwischen fühlen wir uns hier schon fast wie zu Hause, und alle Teilnehmer sind eine große Gemeinschaft geworden. Am heutigen letzten Tag liegt daher eine Mischung aus Abschieds- und Aufbruchsstimmung in der Luft. Doch zunächst konzentrieren wir uns ein weiteres Mal auf unsere Arbeit. 

 

Ein Vertreter aus New York spricht über die Themen Klimawandel, Menschenhandel sowie die neuen nachhaltigen Entwicklungsziele (Sustainable Development Goals). Viele der globalen Konflikte konzentrieren sich auf die Entwicklungs- und Schwellenländer, welche über die größten Rohstoffvorräte verfügen. Das macht sie für die Bergbauindustrie besonders interessant. Und hier beginnen die Probleme: Denn durch große Tagebauprojekte wird häufig eine Kettenreaktion. Land Grabbing (unser gestriges Thema) verschärft die Armut setzt Migration in Gang, mitunter setzt sich dieser Prozess in Zwangsarbeit und Menschenhandel fort. Der Rohstoffreichtum nutzt den Menschen vor Ort nichts, solange große multinationale Konzerne diese Ressourcen ausbeuten und dabei ihrer sozialen Verantwortung nicht gerecht werden.

 

Der Mensch als Ware 

Eine der großen Herausforderungen unserer Zeit stellt Menschenhandel dar. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen sind weltweit etwa 2,4 Millionen Menschen betroffen, wobei die tatsächliche Zahl vermutlich deutlich höher ist. Zwar wurde die UN-Konvention gegen Menschenhandel bislang von 158 Staaten ratifiziert, doch noch immer hapert es an der konsequenten Strafverfolgung der Verantwortlichen. Und solange 35 Staaten sich im Bereich des Menschenhandels keinerlei international anerkannten Normen unterwerfen wollen, wird diese fortgesetzte Verletzung von Menschenrechten kaum eingedämmt werden können. 

 

Pater Heinz Kulüke als Vorbild 

Als Einzelner fühlt man sich bei diesem Thema machtlos. Doch der sehr engagierte Vortrag macht uns allen deutlich, dass sich die schweigende Mehrheit zu Komplizen der Menschenhändler macht, solange sie nichts dagegen unternimmt. An dieser Stelle bin ich froh, auf die herausragenden Leistungen von Pater Heinz Kulüke SVD hinweisen zu können. Er hat vor seiner Wahl zum Generalsuperioren der Steyler Missionare über 30 Jahre auf den Philippinen gelebt und dort junge Mädchen aus der Zwangsprostitution befreit. Er hatte nicht nur den Mut, den Mädchen ein neues Zuhause und eine Perspektive zu schenken, sondern wandte sich auch immer wieder an die lokalen Behörden. 

 

Die Wege trennen sich, das gemeinsame Ziel bleibt

Dann heißt es Abschied nehmen: Unsere indischen Gastgeber tun dies mit einer sehr großen Herzlichkeit und Dankbarkeit. Viele kommen am Ende zu mir und geben mir persönliche Grüße und Geschenke an Vertreter der Steyler Bank und des Steyler Ordens mit. Uns alle trägt nun ein Gefühl der großen Verbundenheit und das Wissen, dass es überall auf dieser Erde Menschen gibt, die für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung brennen. Und für meine Arbeit ist es ein großer Gewinn, dass ich noch mehr persönliche Ansprechpartner vor Ort gefunden habe, die mir helfen, ein realistisches Bild über das Handeln von multinationalen Konzernen zu gewinnen. 

 

Für mich persönlich heißt es dann noch Abschied zu nehmen von den 25 Waisenkindern im Alter zwischen vier und 13 Jahren, die bei den Missionsschwestern Aufnahme gefunden haben. Eine Woche haben wir fast Tür an Tür gewohnt. Als ich in ihren Schlafsaal komme, strecken sich mir viele Hände entgegen. Manche der Kinder strahlen mich an, andere schauen etwas skeptisch. Wir nehmen ein gemeinsames Erinnerungsfoto zum Abschied auf, und ich verspreche ihnen, dass ich es per Email schicke. Schwester Regina, die Provinzoberin der Steyler Missionsschwestern, erklärt mir auf dem Weg zum Bahnhof, dass alle Kinder zur Schule gehen und die Schulkosten mit Unterstützung der Steyler Ethik Bank finanziert werden. Ich bin froh, dass ich dieses Steyler Projekt kennenlernen durfte. Auf der nächtlichen Zugfahrt zurück nach Kalkutta muss ich immer wieder an die Kinder zurückdenken und frage mich, was sie wohl vor ihrer Aufnahme durch die Steyler Schwestern schon alles durchlebt haben. 

 

 

Tagebuch Tanz in Adivasi DorfWie Landnahme die Flüchtlingsproblematik verschärft

 

Das Tagungsprogramm beginnt heute mit einem interessanten Vortrag über Land Grabbing, oft auch Landraub oder Landnahme genannt. Gemeint ist das Phänomen, dass weltweit große Agrarflächen an Investoren verpachtet oder verkauft werden, die dort Plantagen betreiben oder Rohstoffe abbauen. Verbreitet ist das Phänomen besonders in Entwicklungs- und Schwellenländern. Die Bewohner, die hierfür von ihrem Grund und Boden vertrieben werden, erhalten oft nur eine geringfügige Entschädigung oder werden im schlimmsten Fall sogar komplett enteignet. Die afrikanische Bischofskonferenz hat sich kürzlich mit dem Thema beschäftigt und sieht darin eine der größten Herausforderungen unserer Zeit: „Wenn das Problem des Land Grabbings nicht gelöst wird, werden in den nächsten 20 Jahren 300 Millionen Afrikaner nach Europa flüchten.“ In Indien sind insbesondere Adivasi betroffen, da sie häufig in sehr rohstoffreichen Gebieten leben.  

 

Stärkere Vernetzung erwünscht

Im anschließenden Teil des Workshops haben die indischen Teilnehmer die Möglichkeit, sich intensiv mit dem Thema Land Grabbing auseinanderzusetzen. Währenddessen diskutieren die Vertreter der nationalen VIVAT-Organisationen, wie sie ihre Aktivitäten stärker vernetzen können. Dabei wird deutlich, dass die zivilgesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen in den vertretenen Ländern Indonesien, Indien, Bolivien, Argentinien, Chile, Ghana, Kongo und dem Südsudan sehr unterschiedlich sind. Das Anliegen der Steyler Ethik Bank, das Netzwerke der Steyler Ethik-Scouts mit dem der VIVAT-Vertreter zu verknüpfen, wird allgemein unterstützt. Alle erkennen die Chance für ihre zivilgesellschaftliche Arbeit vor Ort. Durch die Weitergabe von Informationen über das soziale und ökologische Verhalten von Unternehmen kann Vivat den Einfluss des Kapitalmarktes auf die Konzerne nutzen, so die Hoffnung.

 

Besuch bei den Adivasi

Nachmittags besuchen wir ein Dorf von Ureinwohnern, den Adivasi. In Bihabahan werden sehr herzlich empfangen. Zur Begrüßung schmücken uns die Dorfbewohner mit Kränzen und Girlanden aus Mangoblättern, die man auf dem Kopf und um den Hals trägt. Stolz zeigen sie uns ihre Kultur und Gastfreundschaft mit vielen traditionellen Gesängen, Tänzen und Speisen. Die Teller bestehen ebenfalls aus Mangoblättern, die geschickt zu einer Schale geformt sind. Später beschreiben die Dorfbewohner uns ihre gesellschaftliche und wirtschaftliche Situation. Besonders beeindruckt sind wir von der Rede einer 20-jährigen Studentin der Sozialwissenschaften, die in einem hervorragenden Englisch zu uns spricht und sich sehr differenziert mit dem Thema beschäftigt. Sie sieht den Schlüssel zur Zukunft vor allem in einer besseren Ausbildung der Adivasi. Wir lernen auch, dass viele Adivasi katholisch sind. Nach einer sehr langen Zeremonie bedanken wir uns bei unseren Gastgebern mit einer kleinen Spende, die ich im Namen der Steyler Ethik Bank überreichen darf, und ergänzen diese noch mit spontan dargebotenen Tänzen aus Ghana und Indonesien.

 

Spontaner Gesang von Menschen aus 20 Nationen

Ein Steyler Pater und ich stimmen gemeinsam mit allen ein Hallelujah-Lied an. Es ist schon ein ganz besonders emotionaler Moment, wenn man mitten im Nichts von Indien auf dem Dorfplatz eines kleinen unscheinbaren Ortes mit den staunenden Dorfbewohnern und Steyler Missionaren und Missionsschwestern aus 19 Nationen dieser Welt ein Hallelujah singt. Katholisch im Sinne von weltumfassend wird hier direkt und hautnah erlebbar.

 

Der Kongress tanzt

 

Heute Vormittag besichtigen wir mit staatlicher Genehmigung eine Kohlemine. Nach einer Stunde Fahrt werden wir von zwei Mitarbeitern von Coal India empfangen. Wir besteigen einen Aussichtspunkt. Vor uns erstreckt sich das riesige Abbaugebiet der Lajkura-Mine: Über 1.000 Quadratkilometer erstreckt sich das Gebiet, von dem wir nur einen kleinen Ausschnitt sehen. Unvorstellbar!!! Nach Angaben der Unternehmensvertreter kann diese Mine für weitere 100 Jahre ausreichend Kohle liefern.

 

Die Bank als Instrument für Veränderung

Jutta Hinrichs und Dr. Klaus Gabriel

Nachmittags stellen Dr. Klaus Gabriel und ich den Teilnehmern die Steyler Ethik Bank und unseren Ansatz des ethisch-nachhaltigen Investments vor. Viele Ordensmitglieder haben zwar schon von uns gehört, doch nur die wenigsten wissen, was wir wirklich tun. Sie lernen, dass Geld Gutes schaffen kann - wenn man es richtig einsetzt - und dass die Steyler Ethik Bank mit ihrem Gewinn und mit den Zins- und Kapitalspenden unserer Kunden die vielfältigen Projekte des Ordens vor Ort in 70 Ländern unterstützt.

 

 

Wir vermitteln den Teilnehmern unseren Ansatz, um das uns anvertraute Geld unserer Kunden verantwortungsvoll am Kapitalmarkt anzulegen. Für viele sind Begriffe wie  Nachhaltigkeitsrating und Ausschlusskriterien neu. Doch sie verstehen sehr schnell, dass es gute Instrumente sind, um von den weltweit ca. 40.000 Unternehmen diejenigen herauszusuchen, die dem Anspruch einer Ordensbank gerecht werden. Oft erleben die Missionare und Missionsschwestern die Unternehmen vor Ort nur als Menschenausbeuter und Umweltzerstörer. Umso wichtiger ist es, ihnen aufzuzeigen, dass es auch eine ganze Reihe von nachhaltig agierenden Unternehmen gibt und dass die Steyler Bank mit ihrem „Engagement-Ansatz“ darauf hinwirkt, weitere Unternehmen zu sozial und ökologisch verantwortlichem Handeln zu motivieren.

 

Eine heiße Sohle aufs Parkett legen

Heute Abend steht ein gemütliches Beisammensein aller Teilnehmer auf dem Programm. Jede Nation soll einen kleinen spontanen Beitrag aufführen. Dr. Gabriel und ich fangen an zu schwitzen. Wie können wir uns einbringen? Singen? Auf keinen Fall. Mit unseren Gesangskünsten verscheuchen wir die anderen nur. Denn die können hier scheinbar alle hervorragend singen. Was sonst? Eine Alternative muss her, aber schnell. Im Internet finden wir die Lösung: den klassischen Wiener Donauwalzer.

 

Ein Kongolese eröffnet das Programm mit einem wunderschönen Lied aus seiner Heimat. Dann ist das Eis gebrochen und eine Nation nach der anderen präsentieren sich. Irgendwann ist Europa dran, also wir. Jetzt gilt´s. Zu den Klängen des Walzers schweben wir im dreiviertel Takt über die Tanzfläche. Wofür eine Tanzschule nicht alles gut ist. Gerade für Inder ist Paartanz etwas sehr Ungewohntes und sie begleiten unseren Tanz mit begeistertem Applaus. Schnell werden Trommeln herbei geholt und zum Abschluss tanzen wir alle in einem großen Kreis – keinen Walzer mehr, sondern zu indischen Klängen. Ein sehr anstrengender Tag klingt somit sehr schön aus.

 

 

 

Auf schlaflose Nächte folgen aufwühlende Vorträge


Tagebuch BettKennen Sie das Gefühl, nachts nicht schlafen zu können? 

  • Weil es im Zimmer so heiß ist, dass man trotz Ventilator an der Decke noch schwitzt.
  • Weil der Ventilator sich laut und klappernd dreht und von Nachtruhe nicht viel zu spüren ist.
  • Weil die Matratze so hart ist, dass jedes Drehen unangenehm ist.
  • Weil es im Zimmer nur eine riesige Neonleuchte an der Decke und keine Leselampe gibt.
  • Weil die tagsüber trotz Mückenschutzspray eingefangenen Mückenstiche jucken, ...

... und irgendwann schläft man dann doch ein mit dem Gedanken, dass man sich im Vergleich zu Millionen von Indern noch glücklich schätzen darf, überhaupt ein Zimmer, einen Ventilator, eine Matratze, Elektrizität und ein Moskitonetz rund ums Bett zu haben.


Nationale Zweige stellen ihre Arbeit vor

Nach einem einfachen, aber leckeren Frühstück stehen heute die Berichte verschiedener nationaler VIVAT-Organisationen an. VIVAT Argentinien ist sehr erfolgreich in seinem Einsatz für Menschenrechte und Umweltschutz und zeigt uns mit Stolz, dass es ihnen gelingt, Protestmärsche gegen große Projekte wie den Bau eines Wasserkraftwerks zu organisieren. 


VIVAT Bolivien konzentriert sich stärker auf die Arbeit mit Frauen und Kindern, die unter extremer Armut leiden und sich noch nicht einmal einen Arztbesuch leisten können. Die beiden südamerikanischen VIVAT-Organisationen sind schon seit vielen Jahren aktiv und haben eine solide Struktur und gute Verankerung in der Zivilgesellschaft. Ebenfalls sehr stark ist VIVAT Irland mit dem Schwerpunktthema Migration: Viele Iren wandern auch heute noch nach Amerika aus, und nur wenige Migranten kommen aktuell aus den Flüchtlingsströmen vom Mittelmeer und den Westbalkan überhaupt bis nach Irland.

 

Die Berichte der nationalen VIVAT-Organisationen zeigen die Vielfalt der Themen und  belegen die Kompetenz der VIVAT-Aktivisten, sich auf die vor Ort wirklich brennenden Themen zu fokussieren. 

 

Streik als Protest gegen die Wirtschaftspolitik in Indien

Ein aktuell brisantes Thema in Indien ist der eintägige flächendeckende Streik, der von zehn Gewerkschaften aus Protest gegen die Wirtschaftspolitik der Regierung Modi ausgerufen wurde. Die öffentlichen Verkehrsmittel werden bestreikt, die Arbeiter sind im Ausstand, Schulen bleiben geschlossen und die Straßen bieten ein völlig anderes Bild als sonst: Nur vereinzelte Fußgänger, Fahrradfahrer und Rinder sind unterwegs. Da erregt es ganz besondere Aufmerksamkeit, als sich in der Nachmittagskaffeepause zwei Steyler Schulbusse in Bewegung setzen, um die Tagungsteilnehmer in das Haus der Steyler Schwestern zu bringen. 


Tagebuch GruppeOpfer der Christenverfolgung in Indien

Bei den Schwestern werden wir mit sehr viel Herzlichkeit und Gesang von 25 Internatsschülerinnen empfangen. Die Priorin begrüßt uns und stellt kurz das SSpS-Haus und seine Schwerpunktarbeit vor: Die 25 Mädchen im Alter zwischen 16 und 19 Jahren sind Aspirantinnen, die vor ihrem Eintritt in den Orden stehen. Sie stammen aus katholischen Familien der Umgebung und sind überwiegend Waisen oder Halbwaisen. Ihre Eltern wurden zu Opfern der gewaltsamen Ausschreitungen gegen Katholiken, die besonders im Bundesstaat Odisha (bis 2011 Orissa) stattfanden. Die Steyler Schwestern geben ihnen ein neues Zuhause, eine gute Schulausbildung und eine neue Perspektive für ihr Leben. 


Eine Boygroup aus angehenden Steyler Missionaren

Abends steht ein „Kultureller Abend“ auf dem Programm. Ein Steyler Pater schlüpft in die Rolle eines Show-Moderators, der zwischen den einzelnen Aufführungen mit kleinen Geschichten, Witzen und Quizfragen das Publikum zum Lachen bringt. Zur Aufführung kommen eine ganze Reihe von indischen Tänzen, die verschiedene Regionen, Traditionen und Tanzstile umfassen. Ein tolles und farbenfrohes Programm. Als dann eine Gruppe junger angehender Steyler Missionare wie eine Boygroup auftreten, geraten alle aus dem Häuschen. Die jungen Ordensleute führen eine Mischung aus Breakdance und den typischen Tänzen der indischen Bollywoodfilme auf. Ein ausgelassener Abschluss für einen Tag voll aufwühlender Themen.


 

 

Gebete und Vorträge am Tag der Schöpfung 

 

Unser Konferenztag im Kloster beginnt um 6.30 Uhr in der Frühe mit einem Gottesdienst. Heute findet erstmals der „Weltgebetstag zur Bewahrung der Schöpfung“ statt, angeregt durch Papst Franziskus. In Fortführung seiner Enzyklika „Laudato Si“ ruft er die Christen zu einer „ökologischen Bekehrung“ auf. Das passt hervorragend zu unserer Tagung, denn gerade die Bergbauindustrie hat eine ganz besondere Verantwortung für die Bewahrung der natürlichen Ressourcen der Erde.

 

Tagebuch Saal 2 Schwestern vorne Gleich der erste Fachvortrag führt uns eindringlich vor Augen, wie sehr der Bergbau die Rechte der Adivasi und ihren Lebensraum berührt. Es gibt in Indien tausende illegal betriebener Minen. Meist liegen sie in wenig erschlossenen Waldgebieten, den typischen Wohngebieten der Ureinwohner. Ganz im Sinne VIVATs wollen wir uns aber nicht mit der Beschreibung der Ist-Situation abfinden, sondern aktiv nach Lösungen suchen. Eine große Hilfestellung gibt der Vortrag über den Hohen Kommissar der Vereinten Nationen für Menschenrechte (United Nations High Commissioner for Human Rights, UNHCHR) mit Sitz in Genf. Seine Aufgabe ist es, sich für die weltweite Anerkennung und Einhaltung der Menschenrechte einzusetzen. Die Delegierten lernen Strategien und Instrumente, wie sie den Einfluss des UNHCHR nutzen können. 


Tagebuch Saal mit ScoutsAuch die UN fordern nachhaltige Produktionsweisen

Für die Steyler Ethik Bank ist es interessant zu erfahren, dass es unter dem Dach des UNHCHR auch ein Forum zu Wirtschaft und Menschenrechten („Forum on Business and Human Rights“) gibt. Für unsere Bewertung von Unternehmen könnte das eine weitere Fundgrube an Informationen sein. Schließlich wollen wir sicherstellen, dass die Gelder unserer Kunden nur in Unternehmen fließen, die keinerlei Verstöße gegen Menschenrechte vorweisen. 


Ein weiterer spannender Punkt ist die anstehende Verabschiedung der neuen nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen ("Sustainable Development Goals") im September. Ziel Nr. 12 ist die Entwicklung von nachhaltigen Produktions- und Konsummustern. Es ist wichtig, dass dieses Thema durch die Politik stärker ins Bewusstsein rückt, auch wenn es ein weiter Weg ist, bis die hochgesteckten Ziele dieser politischen Willenserklärung sich in der Realität niederschlagen.

 

Wichtige Erfolge für VIVAT in Indonesien

Anschließend stellen uns die indonesischen Mitglieder die Arbeit von VIVAT in ihrem Land vor. Ihnen ist es tatsächlich gelungen, durch viele Demonstrationen und Gespräche mit der Regierung ein Gesetz zu erwirken, dass die Aktivitäten von Bergbauunternehmen auf der Insel West Flores (Ost Indonesien) verbietet. Die beiden indonesischen Steyler Patres konnten stolz berichten, dass die VIVAT-Aktivitäten auch dazu geführt haben, dass Präsident Jokowi am 9. August 2015 eine Arbeitsgruppe eingerichtet hat, die künftig die Konflikte zwischen der indigenen Bevölkerung und dem Staat und den Unternehmen moderieren soll.


Unsere Sitzung wird übrigens mehrfach durch Stromausfälle unterbrochen. Wenn wieder mal das Licht ausgeht, der Projektor ausfällt und die Ventilatoren stoppen, wird die Luft im Saal sofort schwer erträglich. So merkt man, wie wichtig eine zuverlässige Stromversorgung ist, die für uns ganz selbstverständlich ist. Anders in Indien: Hier leben noch immer 40 Prozent Bevölkerung ganz ohne Strom. 

 

 

19 Nationen-Workshop startet

Tagebuch KircheHeute Nachmittag (Montag, 31.08.) wird der Workshop nun offiziell eröffnet. Inzwischen sind zusätzlich zu den etwa 20 ausländischen Teilnehmern aus 19 Ländern noch weitere 50 Teilnehmer aus Indien angereist. Die Steyler Ethik Bank organisiert diesen Workshop in Kooperation mit VIVAT International, einer bei den Vereinten Nationen in New York akkreditierten Nicht-Regierungsorganisation. Getragen wird Vivat International von mehreren Orden, unter ihnen die Steyler Missionsschwestern (SSpS) und die Steyler Missionare (SVD). Gemeinsam setzen sie sich für arme und ausgegrenzte Menschen ein und engagieren sich für die Bewahrung der Schöpfung sowie eine nachhaltige Entwicklung. Unser heute beginnender Workshop ist der größte, der bisher von VIVAT International veranstaltet wurde. 

 

Tagebuch Tänze vor VIVAT SchildTanzen für Gott

Die Eröffnungszeremonie beginnt mit einer kurzen Ansprache und einem indischen Tanz, der von angehenden Steyler Schwestern dargeboten wird. Das sind 15 junge Mädchen zwischen 17 und 19 Jahren, die sich gerade in ihrem einjährigen Vorbereitungsjahr befinden. Anschließend feiern alle Teilnehmer gemeinsam einen sehr schönen Gottesdienst, der vom Steyler Bischof der Provinz „India East“ zelebriert wird. Es folgen weitere Ansprachen und indische Tänze.

 

Das Drama künstlerisch dargestellt

Tagebuch TheaterstückHöhepunkt ist ein kleines Theaterstück, das die Problematik des Workshops auf den Punkt bringt: Ausbeutung von Menschen (insbesondere den Adivasi, also den indischen Ureinwohnern) und der Umwelt durch immer mehr Bergbauunternehmen, die in der Region von Odisha nach Rohstoffen suchen. Offensichtlich erhalten diese auch immer die entsprechenden Genehmigungen durch die staatlichen Behörden, und die Adivasi müssen für das alles übergeordnete Ziel des Wirtschaftswachstums darunter leiden. 

 

Um die sozialen und ökologischen Auswirkungen auf die Bevölkerung dreht sich der anschließende wissenschaftliche Vortrag. Die Liste der negativen Folgen ist lang und erschreckend: Sie reicht von Landraub und Umsiedlung über Arbeits- und Wohnungslosigkeit bis zu massiven Schädigungen der Umwelt. Zerstörte Waldgebiete, verschmutztes Wasser und sinkende Grundwasserspiegel sind typische Begleiterscheinungen. 

 

Rückschläge und ein Jetzt-erst-recht-Gefühl 

Die Proteste der Adivasi und weiterer zivilgesellschaftlicher Gruppen waren zuletzt immer weniger erfolgreich und wurden oftmals von vornherein verhindert. Doch dieser „Schrumpfungsprozess der Demokratie“ entmutigt VIVAT International nicht, sondern bestärkt die Mitglieder vielmehr in ihrem Einsatz für Menschenrechte, Frieden und Gerechtigkeit. Am Ende der Einführungsveranstaltung wird daher noch einmal deutlich das Leitmotiv von VIVAT hervorgehoben: „We are called to be the voice of the voiceless.“ Wir sind berufen, die Stimme derjenigen zu sein, die keine Stimme haben.  

 

 

Pfützen zum Waschen 

Die Nacht im Schlafwagen ist wenig komfortabel, doch im Vergleich mit den Lebensumständen der vielen Armen, die auf den Bahnsteigen herumliegen, ist es wie ein kleiner Himmel auf Erden. Während der Zwischenstopps beobachte ich viele Menschen mit verstümmelten Gliedmaßen, die die Nacht schlafend auf einem Bahnsteig verbringen, bevor sie am nächsten Tag wahrscheinlich wieder mit Betteln oder Müllsammeln ums Überleben kämpfen. In kleinen Orten am Rande der Zugstrecke sehe ich Menschen, die sich in großen Pfützen waschen oder in völlig verfallenen Häusern hausen. Hier wird mir wieder einmal deutlich, wie unterschiedlich die Lebensstandards sind.


Online Tagebuch SchulbusAnkunft in Jharsuguda
Am Bahnhof von Jharsuguda werden wir von einer kleinen Delegation von SteylerMissionaren und Missionarinnen abgeholt. Das Provinzhaus des Männerordens ist eine Oase der Ruhe mit einem gepflegten Garten, wohnlich wirkenden Häusern und vielen jungen angehenden Missionaren, die überall drinnen und draußen fleißig am Arbeiten sind. 500 Meter entfernt ist das Haus der Steyler Schwestern, dazwischen eine nach Arnold Janssen benannte Secondary School und eine Kirche. Insgesamt befinden sich neun verschiedene katholische Ordensgemeinschaften in der Stadt - also eine richtig kleine Hochburg mitten im hinduistisch dominierten Indien. Die Anreise ist geschafft. Mit Spannung erwarten wir nun den Workshop.

 

 

Online Tagebuch StauHinein ins Leben 

Der Kontrast zwischen einem sehr ruhigen, klimatisierten Flug und dem lauten und schwülen Delhi könnte größer nicht sein. Selbst um 1 Uhr nachts herrscht auf den Straßen Rush-Hour inklusive permanentem Hupkonzert und über 30 Grad. Nach einer Übernachtung fliegen wir am darauffolgenden Mittag nach Kalkutta weiter. Im nationalen Teil des Indira-Ghandi-Flughafens sind wir - ich reise mit Dr. Klaus Gabriel vom Verein zur Förderung von Ethik und Nachhaltigkeit in der Geldanlage (CRIC) - die einzigen Europäer. 



Online Tagebuch Schwestern vor TaxiKatholiken befürchten Diskriminierung

In Kalkutta werden wir mit einem großen VIVAT-Schild von den Steyler Schwestern Sophiaund Maria Regine, empfangen. Im Taxi, berichten uns die beiden indischen Ordensfrauen, wie schwer ihre Arbeit als Katholiken unter der hinduistisch ausgerichteten Regierung Modi geworden ist. Andere Religionsgruppen werden spürbar benachteiligt. Mit Sorge erwarten sie, was die nächsten fünf Jahre der Amtszeit Modis noch bringen werden. 

 

Herzliches Willkommen in Kalkutta

Unser Ziel ist ein Begegnungszentrum der katholischen Diözese Kalkutta. Wir treffen die beiden Hauptorganisatoren des Workshops, Father Felix SVD aus Delhi und Schwester Zelia SSpS aus New York, sowie weitere Teilnehmer. Die Stimmung ist vom ersten Moment an offen und herzlich. Nach dem Abendessen fahren wir gemeinsam zum Bahnhof. Das Chaos auf den Straßen ist erschlagend. Vor dem Bahnhof müssen wir mit über 20 Personen eine sechsspurige Straße überqueren: Dazu gehört eine Menge Mut und Gottvertrauen. 


Im Bahnhof liegen hunderte Menschen auf dem Boden oder lehnen an großen Säulen; von Säugling bis Greis ist alles unterwegs. Rikscha-Fahrer transportieren die Koffer der Reisenden, Müllsammler laufen über die Gleise. Wir warten etwa eineinhalb Stunden auf den Howrat-Ahmenabad-Expresszug, der uns über Nacht in das etwa 500 km südwestlich gelegene Jharsuguda bringen wird. In einfachen, mit einem Vorhang versehenen Schlafkojen richten wir uns auf die achtstündige Fahrt ein. Einziger sehr willkommener Luxus ist eine Klimaanlage, sodass wir gut gekühlt durch die Nacht schaukeln. 

 

Online Tagebuch Schwestern vor Taxi

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