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Reise nach Chile

Reisetagebuch Chile 2017

Christian Weis, Stiftungsmanager der Steyler Bank-Stiftung, und Martin Züll, Auszubildender der Steyler Ethik Bank, besuchen vom 21. August bis 4. September 2017 Steyler Hilfsprojekte in Chile. Sie verschaffen sich einen Überblick und Einblick in die Arbeit vor Ort.


Hier finden Sie ihr Erlebnis-Tagebuch, geschrieben von Christian Weis:

Reisefieber

 

Die halbe Nacht habe ich wach gelegen. Habe ich alles dabei? Immer wieder machen wir denselben Fehler. Wir möchten unsere heimischen Gewohnheiten mitnehmen. Das macht das ganze kompliziert. Ladekabel fürs Handy, Adapter für die dortigen Stromstecker, Ersatz-Akkus …

 

Was kommt auf uns zu? Mit dem ICE von Siegburg nach Frankfurt zum Flughafen, von dort bis Madrid. Kurz vor Mitternacht geht dort der Flug nach Santiago de Chile. In Madrid könnte es aufgrund der Terroranschläge der letzten Tage länger dauern, wir stellen uns auf zusätzliche Sicherheitskontrollen ein ... Wir werden sehen, "et kütt wie et kütt" sagt der Rheinländer.

 

In Madrid gestrandet

 

Am Frankfurter Flughafen werden wir nicht ins Flugzeug gelassen, es gibt irgendwelche Probleme. Die Shuttle-Busse stehen vor dem Flugzeug, müssen aber zum Terminal zurückkehren. Statt um 18:15 fliegen wir erst nach 21 Uhr los. Wir haben ausreichend Puffer für den Anschlussflug, aber es wird eine knappe Sache. Das geplante Abendbrot, eine spanische "Bocata" am Flughafen Madrid, ist schon mal gestrichen. Hungrig Richtung Flugzeug, egal, Hauptsache den Flug nicht verpassen. – So der Plan...

 

Christian Weis und Martin Müll sitzen auf dem Flughafen festDer Flughafen von Madrid ist sehr groß. Laut Anzeige sind es 15 Minuten zu Fuß + Bahnfahrt zum Terminal + Ausreise beim Zoll. Wir rennen wie die Wilden: Treppen hoch, Treppen runter. Endlos lange Gänge. Als wir endlich ankommen, ist es zu spät. "Gate closed" steht auf der Anzeige. Der unfreundliche Herr am Gate teilt uns mit, dass die Türen des Flugzeuges bereits geschlossen sind. Das Flugzeug in Sichtweite und dennoch unser Ziel verpasst, wirklich schade.

 

Nun muss neu geplant werden. Unser erster Inlandsflug in Chile findet am Mittwoch statt. Verpassen wir diesen, kommt unser ganzer Reiseplan ins Wanken. Wir fliegen nun einen Tag später, also Dienstagnacht unserer Zeit um 23:55 Uhr, Direktflug nach Chile. Das besprechen wir telefonisch und per WhatsApp mit den Steylern in Chile. Habe ich mich gestern über die Technik beschwert, die immer präsent ist? Nein, nein, das war Gerede von gestern. Handy und Reserveakku sind sehr, sehr, sehr gute Sachen!

 

Die Fluggesellschaft weist uns ein Hotel zu. Seit dem Frühstück haben wir nichts mehr gegessen und es ist inzwischen 1:30 Uhr nachts. Wir haben Glück. Das Hotel ist ganz in Ordnung, es gibt sogar noch etwas zu essen. Den Tag morgen müssen wir irgendwie herum bekommen. Das Hotel ist nah am Flughafen, zu weit entfernt für einen Trip die Stadt. Uns wird schon etwas einfallen...

 

Gegen 3:30 Uhr morgens schalte ich das Licht aus. Gute Nacht!

Vom Flieger in den Flieger

Das Gute an einem unglücklichen Start ist, dass es danach nur besser werden kann. Nach einem Tag im Hotel brechen wir kurz vor Mitternacht endlich nach Santiago de Chile auf.

 

Pater Paul Becker im Gespräch mit Christian Weis.Es fehlt uns ein Tag, sodass wir direkt am Flughafen bleiben. Der Steyler Missionar Pater Paul empfängt uns mit den Anschlusstickets für den Flug nach Puerto Varas. Es bleibt gerade genug Zeit für einen gemeinsamen Kaffee.

 

Pater Paul Becker stammt aus Essen und geht auf die 80 zu. Er hat in Sankt Augustin studiert und bevor er nach Chile ging bereits 46 Jahre in Argentinien gelebt. Zu seiner Zeit betrug die Reisedauer nicht 14 Stunden mit dem Flugzeug sondern 16 Tage mit dem Schiff.

 

Wir müssen das Gespräch leider abbrechen, die Zeit wird knapp. Einmal verpasster Anschluss reicht. Pater Paul sehen wir am Sonntag wieder …

 

Einsatz für Straßenkinder

Puerto Varas wurde ab 1846 von deutschen Einwanderern besiedelt, noch heute ist dies an Spitzdächer und Vorgärten erkennbar. Die Haupteinnahmequellen sind Landwirtschaft, Fischerei und Tourismus.

 

Die Steyler unterhalten hier "hogares de menores", also "Heime für Minderjährige". Dort kümmern sie sich um ca. 200 Kinder, die in ihren Familien Missbrauch, Gewalt und Vernachlässigung erfahren haben. In den Heimen erhalten die Kinder eine medizinische Versorgung, Nahrung und Bildung. Wenn es irgendwie möglich ist, wird der Kontakt zur Ursprungsfamilie gehalten und gestärkt. Der Grundsatz lautet: "Eine einigermaßen gesunde Familie ist immer noch besser als ein gut laufendes Heim."

 

Wir sind gespannt. Ab morgen können wir dann endlich etwas Inhaltliches zu den Steyler Projekten und Aktivitäten berichten.

Bedrückende Erfahrungen 

In Puerto Varas empfängt uns der Steyler Pater Raphael. Er bringt uns in einem großen Haus unter, das deutsche Einwanderer im 19. Jahrhundert, so wie sie es von zuhause kannten, mit Spitzdach und Keller errichtet haben. Leider ist es hier sehr kalt, auch im Haus sind es nur sechs bis zehn Grad. Es riecht nach Öl und Gas von den Heizgeräten.

 

Am Morgen besuchen wir zum ersten Mal die Projekte. Die Steyler unterhalten sieben Heime in Chile mit unterschiedlichen Profilen. Die Kinder und Jugendlichen werden direkt von staatlichen Organisationen eingewiesen, ein Teil der Kosten wird daher vom Staat übernommen. Fotos mit den Kindern dürfen wir nicht machen, damit sie nicht von ihren Familien gefunden werden können.

 

Steyler Kinderheim CLP San Arnoldo in Puerto Varas, ChileWenn Kinder nicht gewollt sind

Im "CLP San Arnoldo" kümmern sich 40 Mitarbeiter um das Wohl von 30 Kleinkindern und sind dabei oft auch Elternersatz. Das jüngste Kind ist erst wenige Tage alt. Die Eltern wollten nach der Entbindung nichts mit ihrem Baby zu tun haben.

 

Dennoch sind dies die weniger schweren Fälle. In Deutschland würde man von "disfunktionalen Familien" sprechen. Das Ziel ist, die Kinder wieder in ihre Ursprungsfamilien zurückzuführen, wenn sich die Umstände gebessert haben. Eltern und Kinder werden bei diesem Prozess von Psychologen und dem Jugendamt begleitet. Nicht immer funktioniert die Rückführung.

 

Im nächsten Heim, "Llanqihue", sind ausschließlich Mädchen zwischen sechs und 16 Jahren untergebracht. Die Bewohner sind also viel selbstständiger, dafür gibt es Probleme in der Schule, beginnende Pubertät.

 

Kontakt zur Familie für immer gekappt

Im Anschluss schauen wir uns die beiden Heime "Madre Paulina" für Mädchen und "Reloncavi" für Jungen an. Die Einrichtungen liegen nebeneinander und teilen sich eine Küche, sind aber ansonsten komplett eigenständig. Wer hier lebt, hat die volle Härte des Lebens erfahren. Ca. 85 Prozent der Jungen wurden in ihren Familien Opfer von Missbrauch. Teilweise sitzen die Eltern für ihre Taten im Gefängnis. Die Behörden haben die Verbindung zu den Familien für immer gekappt. Niemand aus dem alten Umfeld darf wissen, wo den Kindern ein neuer Start ermöglicht werden soll.

 

Wir haben die Kinder und Jugendlichen gesehen. Sie sind in sich gekehrt, sprechen nicht viel, auch nicht ist untereinander. Sie schauen uns nicht an, nur verstohlene Blicke. Lange sprechen wir mit den Erziehern. Alle haben eine psychologische Ausbildung. Die Arbeit ist ungemein schwer. Wie findet man einen Zugang zu Menschen, die in jungen Jahren von allen enttäuscht wurden? Jede neue Freundschaft wird als Gefahr gesehen, erneut verletzt und enttäuscht zu werden.

 

Gegen 22 Uhr sind wir zurück in unserer Unterkunft. Wir teilen unsere Eindrücke und verarbeiten das Gesehene gemeinsam. Vieles aber wird mich die Nacht über begleiten.

Mit Heintje auf der Autobahn

Die berühmte Schnellstraße „Panamericana“ in Chile. Zwei Deutsche und eine Spanierin sind dort zusammen mit Pater Raphael, einem gebürtigen Togolesen, unterwegs. Aus der Musikanlage des Jeeps ertönt laut deutsche Volksmusik, die Lieblingsmusik von Pater Raphael. Gerade singt Heintje "Vom Himmel hoch da komm ich her". Unser Ziel sind die Mapuche, die chilenischen Ureinwohner. Mehr Kontraste sind kaum vorstellbar.

 

Zunächst besuchen wir in ein weiteres Kinderheim der Steyler, "Los Tillos". Die Bewohner sind zwischen 8 bis 20 Jahre alt. Geleitet wird das Heim seit 29 Jahren von einem Ehepaar. Man freut sich, uns alles zeigen zu können. Es gibt selbst gemachte Brötchen und Kuchen. Zur Mittagszeit kommen die Kinder aus der Schule, danach geht unsere Reise weiter.

 

Nach Pater Fernando SVDweiteren vier Stunden Fahrt erreichen wir am Abend mit Quepe. Pater Fernando SVD nimmt uns in Empfang. Das Haus ist aus Stein gebaut, im Ofen brennt ein Feuer, es wird also ein einig wärmer werden als die letzten beiden Nächte. Pater Fernando berichtet uns über seine tägliche Arbeit mit den Mapuche, den Ureinwohnern Chiles. Vieles ist neu, wir benötigen eine Weile, um die Zusammenhänge zu verstehen. Es sind andere Blickwinkel, Sichtweisen mit denen ich mich noch nicht auseinander gesetzt habe.

 

 

Wir könnten noch ewig sprechen, aber gegen 23 Uhr fallen uns langsam die Augen zu. Zuerst aber muss Herr Züll verarztet werden. Offenbar wurde er von Insekten gestochen. Die Betonung liegt hier auf der Mehrzahl. Pater Fernando scheint auch Mediziner zu sein. "Ganz klar Bettwanzen", diagnostiziert er. Er zaubert eine homöopathische Salbe hervor, die helfen soll. Ich hoffe es, sonst müssen wir morgen die Cortisonsalbe auspacken.

Die Kultur der Mapuche bewahren

Ein Kaffee am Morgen: Martin Züll, Auszubildender der Steyler Ethik BankDer neue Tag fängt gut an. Die Salbe hat geholfen, Herrn Züll geht es besser. Heute lernen wir die Mapuche kennen. Wir treffen uns mit Janette, einer Mapuche, die in der Pfarrei mithilft und die Projektarbeit koordiniert.

 

Die Mapuche sind die Ureinwohner Chiles. Sie haben eine sehr starke Bindung zur Natur, zu „Mutter Erde“. Während der Kolonialisierung wurden sie zurückgedrängt, ihr Land wurde von Siedlern übernommen.

 

Heute sind Mapuche zwar auf der einen Seite selbst chilenische Bürger, doch auf der anderen Seite möchten sie ihre eigene Kultur und Tradition bewahren. Die kulturellen Unterschiede führen immer wieder zu Spannungen und in letzter Zeit leider vermehrt zu Übergriffen.

 

Janette, eine Angehörige der Mapuche, ist Teil des Steyler Projektteams.Die Steyler engagieren sich in diesem Konflikt als Gesprächspartner und Vermittler. Zudem leisten sie konkrete Hilfe: Sie vergeben Schulstipendien an die Mapuche und bieten berufsbildende Kurse speziell für Frauen an. Auch bei rechtlichen Auseinandersetzungen stehen sie den Mapuche zur Seite.

 

Die Arbeit ist nicht einfach sagt Janette. Gegen 15 Uhr fahren wir in unsere Unterkunft zurück. Pater Fernando darf am Nachmittag noch ein Paar trauen.

 

Rückkehr nach Santiago

Wir sind zurück in Santiago de Chile. Bei der Anreise haben wir die Hauptstadt nicht kennengelernt, weil wir sofort weiterfliegen mussten. Die Lebenswirklichkeit in der Hauptstadt unterscheidet sich sehr von den Eindrücken der zurückliegenden Tage. Besser ist es aber nicht, die Probleme der Großstadt sind andere. Wir sind im Hauptsitz der Steyler in Chile, der „Casa Central“.

 

 

 

Das Haus ist recht unscheinbar, aber es liegt inmitten einer Partymeile. Rundherum sind die Universität, noble Bars, Restaurants und Steakhäuser. Viele ausländische Touristen kommen hierher, vor allem Brasilianer. Doch das war nicht immer so. Denn bevor die Stadt wuchs, war dies einmal der Randbezirk von Santiago. Die Steyler werden das Haus nun verkaufen und sich eine neue Bleibe suchen. Dieser Ort passt nicht mehr zu einer katholischen Ordensgemeinschaft, die sich um Benachteiligte kümmert. Außerdem ist es auch nachts unglaublich laut.

Nachmittags machen wir einen Ausflug zum „Cerra San Cristobal“, einem Hügel im Stadtteil Bellavista. Die Aussicht ist atemberaubend. Der Hügel liegt 300 Meter über der Stadt und etwa 800 Meter über Normalnull. Auf der Spitze wacht eine riesige Statue der Gottesmutter über der Stadt. Ich könnte stundenlang hier bleiben und die Aussicht genießen.

 

 

 

Schokoladentorte - die Attraktion des Tages

Heute erwartet uns ein umfangreiches Programm. Vormittags besuchen wir die „Fundacion el Carmen“. Dabei handelt es ich um ein Bildungsangebot für Erwachsene, etwa vergleichbar mit Volkshochschulkursen in Deutschland. Das Angebot richtet sich an Frauen. Oft sind dies Frauen, die neben der Hausarbeit eine Nebenbeschäftigung anstreben, um das finanzielle Auskommen der Familie zu verbessern. Die Kurse sollen aber auch das Selbstwertgefühl der Teilnehmerinnen stärken.

Die Verantwortlichen erzählen uns ein Erlebnis aus den Gründungsjahren. Eine Frau kam herein und sagte, Sie wolle etwas lernen. Sie könne nichts und habe nichts gelernt im Leben. Im Gespräch stellte sich heraus, dass die Frau vier Kinder groß zog, den Familienbetrieb und das Haus am Laufen hielt und sich gleichzeitig um die pflegebedürftigen Eltern kümmerte. Doch ihren eigenen Leistungen sprach sie keinen Wert zu.

Die Fundacion macht die Lebensleistung von Frauen sichtbar und fördert ihre Entwicklung. Zum Kursangebot gehören: Schneiderei, Friseurhandwerk, Massage, Maniküre und Gebärdensprache.

Die Attraktion des Tages ist der Kochkurs. Es gibt selbstgemachte Schokoladentorte. Ich möchte gar nicht wissen, wie viele Kalorien wir zu uns nehmen haben, aber das Tortenstück hat schmeckt unglaublich lecker.

Schokotorte 


Im Anschluss besuchen wir die Steyler Schule „Colegio Espiritu Santo“.

Wir sind seit dem Bau in den 90er-Jahren die ersten deutschen Besucher und werden mit dem Lied „Edelweiß“ begrüßt. Ich kenne das Lied nicht, aber vermutlich denkt man, dass jeder Deutsche es singt. Genauso wie wir alle ja Lederhosen tragen in Deutschland und einen Gamsbart am Hut haben.

Gegen Abend steht eine Besichtigungstour durch die Gemeinde an. Die Gemeinde verteilt sich auf sechs Kapellen, alle in unterschiedlichen sozialen Umfeldern. In einer der Kapellen wird gerade ein Leichnam aufgebahrt. Es ist ein wildes Hin und Her. Der Sarg wird rausgetragen, dann wieder rein. Es gibt Diskussionen und Gezerre am Sarg in verschiedene Richtungen. Ich frage mich, ob das immer so ist.


 

 

Eindrücke sammeln, statt Fotos schießen

Von Santiago werden wir heute nach Iquique fliegen, das nahe der Grenzen zu Bolivien und Peru liegt. Bevor wir aufbrechen, lädt uns der Provinzial aber zu einer letzten Ausflugsfahrt in luftige Höhen ein. Für einen Rheinländer ist es ein stattlicher Berg, auf den wir hier fahren. Doch Pater Graziano spricht lieber von "Hügel" oder "Erhebung". Wie auch immer, der Ausblick ist unbeschreiblich. Wir stehen weit oberhalb der Stadt, Lärm und Hektik der Hauptstadt kann man von hier aus nicht erkennen, wohl aber die dichte Smog-Wolke, die über der Stadt schwebt.

 

Tag 10

 

Mir kommt eine Geschichte in den Sinn, die mir ein Freund erzählt hat. Er war am Zuckerhut in Brasilien und bat einen Fremden, der gedankenversunken auf der Wiese saß, ob er für ihn ein Foto machen könne. Er würde es gerne nach Hause schicken, um zu zeigen, wo er gerade ist. Der Fremde wurde sehr mürrisch und antwortete: „Wissen Sie, ich sitze hier, um mir das Bild einzuprägen. Kein Foto der Welt kann die Umgebung als Ganzes erfassen, kann Geräusche, Gerüche und Bewegung wiedergeben. In meinem Kopf bleibt aber all das für immer.“ Daran erinnere ich mich und setze mich, wie der Fremde, nichts-tuend hin.

Nachmittags geht es dann nach Iquique. Flugzeit etwa zwei Stunden und 15 Minuten. Wir reisen nur mit Handgepäck, den Rest lassen wir in Santiago. Ohne die Reisekoffer wird der Inlandsflug deutlich günstiger.

 

Schattenseiten einer Touristen-Hochburg

 

Wir sind gut angekommen in Iquique, der letzten Station unserer Reise. Iquique liegt direkt am Pazifik, ständige Einwohnerzahl liegt bei ca. 350.000. Es ist jedoch eine Urlaubshochburg, sodass es wesentlich mehr Menschen sein werden, die hier leben. Niederschlag gibt es das Jahr über kaum, die Durchschnittstemperatur liegt bei 21 Grad. Es wird also nie richtig kalt. Im Internet gibt es schöne Hochglanzfotos der Stadt. Gäbe es die angrenzende Wüste nicht, könnten die Aufnahmen auf den Balearen entstanden sein.

 

Wir lernen aber ein anderes Iquique kennen. Wir sehen auch die unschönen Seiten, die man sonst leicht verdrängt oder ausblendet. Die Steyler gehen aber genau dorthin, wo die Herausforderungen warten. In Iquique war der Steyler Missionar Pater Paul Oden viele Jahre tätig. Nach seinem Tod gab der Orden die Verantwortung an die Menschen vor Ort weiter. Es besteht aber nach wie vor ein enger, guter Kontakt zu den Steylern.

 

Tag 11-1
 

Wir lernen die Verantwortlichen kennen und besichtigen zwei Kindergärten. Die Verhältnisse hier sind recht gut. Nun ja, vom Holzwurm und "Ohrpitscher" abgesehen, die hin und wieder die Kinder zwicken.

 

Pedro, der Aufpasser

Es ist ein schwieriger Tag. Wir fahren in die Nachbarstadt von Iquique, Alto Hospicio. Die Arbeitslosenquote ist hoch. Zudem berichtet man von Flüchtlingen, auch aus Syrien. Registriert sind diese aber offenbar nicht.

Wir besuchen eine weitere Nachmittagsbetreuung für Kinder und Jugendliche. Hier ist das Umfeld wirklich schwierig. Ehrlich gesagt ist mir ein wenig flau im Magen. Wir sollen uns nicht alleine auf der Straße aufhalten, bei der Gruppe bleiben ... Nicht gerade vertrauenserweckend. Die Straßen sind leer, Gardinen werden auf die Seite geschoben. Ich fühle mich wie in einem Wild-Westfilm, wenn der Sheriff zum Duell antritt, nur einen Saloon gibt es hier nicht.

 

Tag 12

 

Begleitet werden wir von Pedro, der aussieht wie ein alternder Rocker mit langen Haaren und Dreitagebart. Er hat aber auch was von Bud Spencer, der nicht lange diskutiert wenn gehandelt werden muss. Pedro kennt die Leute im Ort. Wer mit Pedro zusammen ist, der ist weder von der Polizei noch Geldeintreiber. Pedro ist also ab sofort mein neuer Freund!

Die Programme für die Kinder verfolgen den gleichen Ansatz wie in den Einrichtungen, die wir gestern besucht haben. Es geht darum, den Kindern eine Beschäftigung und Bleibe für die Nachmittagsstunden zu bieten. Da die meisten kein Abendbrot zu Haus bekommen, gibt es abends auch eine Mahlzeit.

Heute ist ein besonderer Tag. Die Kinder ziehen mit Instrumenten und bunten Kleidern durch die Straßen. Sie schenken jedem, dem sie begegnen einen bunten Luftballon und ein Bonbon. Sie ziehen für Solidarität und mehr Sinn für Gemeinschaft durch die Straßen.

Ich bin beeindruckt, wir gehen mit. Zwischen den Kindern wird schon nichts passieren. Auf einer Reise mit vielen Eindrücken war dies der Tag, der sich am stärksten einprägt.

 

Eine Pfarrei braucht den Neuanfang


Wir besuchen weitere Projekte in der Umgebung von Iquique. Erstes Tagesziel ist eine Obdachlosenunterkunft. Die Betreuer berichten, dass es hier genauso zugeht wie in jeder Familie. Das bedeutet allerdings auch, dass die kleinen Alltagskonflikte, denen in einer Familie ähneln. Der eine ist zu lange im Bad, der andere kommt mit schmutzigen Schuhen ins Haus. Insgesamt macht die Obdachlosenunterkunft auf mich einen guten Eindruck. Hier bemühen sich Menschen, in einer Gemeinschaft zu leben.

 

Tag 13 

Entsetzt war ich von der Pfarrei. Diese wurde vor einigen Monaten von der Diözese an die Steyler übergeben. Die Verhältnisse sind unvorstellbar. Der vorherige Pfarrer hat dort unhaltbare Zustände hinterlassen. Zwei Steyler Patres versuchen nun, eins nach dem anderen wieder in Ordnung zu bringen. Allerdings ist Bausubstanz der Pfarrei marode. Schimmel in allen Zimmern, Spinnenbefall. Es ist einfach schlimm, mir fehlen die Worte.
Da die Gebäude der Diözese gehören, muss der örtliche Bischof für die Instandsetzung aufkommen.

 

Wir haben ein paar Fotos gemacht. Vielleicht kann man mit einem Brief an die Diözese hier etwas ans Laufen bringen.



 

Die Kräfte schwinden

 

Heute ist Sonntag und der letzte Tag vor der Rückreise. Wir fliegen früh nach Santiago zurück. Allmählich ist unser Akku leer. Die vielen Ortswechsel, kurze Nächte und unendlich viel Neues, dass in einer fremden Sprache auf uns eingeprasselt ist. Es war auch anstrengend. Wir genehmigen uns am Nachmittag einen Spaziergang in die Innenstadt und besichtigen den Paulmann-Turm, das höchste Gebäude Südamerikas. Abends heißt es Koffer packen, denn morgen nach dem Frühstück geht es nach Hause.

 

Tag 14-1



 

Die Eindrücke sind noch nicht verarbeitet

Diese Tage vergehen im Flug: 14 Stunden im Flieger durch mehrere Zeitzonen, erst von Santiago nach Madrid, von dort nach Frankfurt und schließlich im ICE in die Heimat. Sind alle Berichte fertig? Nein. Sind die Eindrücke mental verarbeitet? Noch lange nicht. Aber wir zwei sind wohlbehalten zurück.

Was behält man nach einer langen Projektreise in Erinnerung?

Aus meiner Erfahrung sind es nicht die negativen Eindrücke, also nicht das eiskalte Haus in Puerto Varas, die Bettwanzenstiche, unsauberes Bettzeug oder verstopfte Toiletten. Mir gehen ganz andere Dinge nach: Das kleine Mädchen im Kinderheim, dass hochgehoben werden will, mich drückt und gar nicht mehr loslässt. Die Jugendlichen in Alto Hospicio, von denen die Steyler und andere Engagierte nur einen kleinen Teil davor bewahren können, kriminell zu werden. Meinen Respekt hat aber auch unserer Auszubildender Martin Züll. Wie viele angehende Bankkaufleute sind bereit, eine solche strapaziöse Reise auf sich zu nehmen? Doch auch er ist froh. Er freut sich, unmittelbar erlebt zu haben, wofür die Steyler Ethik Bank und das Steyler Stiftungszentrum arbeiten.

 

Das Geld, das Stifter, Kunden und Bank für soziale Projekte geben ist wichtig. Doch erst die Steyler vor Ort sorgen dafür, dass von dieser Hilfe etwas bei den Ärmsten ankommt.

 

Tag 15 



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